Aussortiert: Frau, klug, Schweizerin, über 50-jährig

Drei Beiträge in der NZZ vom Samstag, 4. Mai 2019, dreimal derselbe Tenor: Die über 50-Jährigen würden auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert. Dies aufgrund von Vorurteilen. Der Rest geht in der Statistik unter: Die Jüngeren seien häufiger, aber kürzer, die Älteren weniger häufig, aber länger bis unwiederbringlich arbeitslos. An der fünften jährlichen «Nationalen Konferenz ältere Arbeitnehmende» in Folge ging es um viel heisse Luft und eine weitere Studie. Kleinster gemeinsamer Nenner: Ein Auftrag an die Behörden zur Erarbeitung eines Aktionsplans für die Verbesserung der Dienstleistungen der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) zugunsten der Älteren.

Genau: Frau, 61, hochqualifiziert und hochprofessionell, sucht eine Aufgabe für ihren Lebensunterhalt. Der RAV-Berater sagt ihr direkt ins Gesicht: «Vergessen Sie es, keine Chance, als Frau sowieso nicht, denn Sie werden ja noch ein Jahr früher pensioniert – mit 64.» Die Frau ohne Chance ist seit fünf Jahren ausgesteuert, nach zwei Jahren Rahmenfrist, 300 Bewerbungen und 300 Absagen: «Leider haben wir jemanden gefunden, der besser aufs Profil passt.» Bei telefonischer Rückfrage, was frau denn hätte tun können, um sich fürs Profil zu qualifizieren: Nichts, man sei zuoberst auf der Zweite-Wahl-Beige gelegen. «Für Ihre Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute.» – Welche Zukunft?

Der Ratschlag von Andreas Rudolph, dem Urheber der neuen Studie, hört sich an wie sexistischer Hohn: «Die Arbeitnehmer sollten nicht erst nach einem Stellenverlust an Weiterbildung denken und auf der Stellensuche Einbussen in Sachen Lohn, Stellung in der Hierarchie und Beschäftigungsgrad nicht einfach ausschliessen.» Und wenn es sich um eine ArbeitnehmerIN mit Frauenlohn in Teilzeitpensen handelt? Die eine Berufsausbildung, Zweitwegmatur sowie einen Masterabschluss einer schweizerischen Elite-Universität von Weltklasse hat und jetzt ein Zweitstudium macht? Die einfach nur ihren Lebensunterhalt verdienen möchte? Die zweite Hälfte ihres Erwachsenenlebens autonom und in Würde gestalten will?

Diskriminierung – illegal gemäss Artikel 8 der Bundesverfassung – kommt stets im Paket daher. Aktuell: Frau, reifes Alter, hochqualifiziert und professionell, kein Migrationshintergrund. Oder im Klartext: Schweizerin mit Fach- und Führungskompetenz unter der Bedingung von Teilzeitpensen – welche Frau hat das nicht? – die ohne grosse Einführung einen guten Job machen würde, wenn man sie nur liesse! Interessanterweise (noch) kein Thema im Hinblick auf den Frauenstreik am 14. Juni. Vonwegen über 50-Jährige als «einflussreiche Gruppe» (NZZ): Da können nur Männer gemeint sein, die Geld und Macht für sich beanspruchen, denn streiken kann frau sowieso nur, wenn sie bezahlte Arbeit hat und nicht noch für andere sorgen will oder muss, weil es sonst keiner tut!

Es ist an der Zeit, die Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen. Den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Ressourcen wahrzunehmen. In den Menschen, seine Würde und seine Lebens- und Weltgestaltung zu investieren. Indem ihm das Menschenrecht auf Arbeit und deren angemessene und befriedigende Entlohnung zugestanden wird (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 23). Indem jede Person selber entscheidet, wann sie pensioniert werden will. Der Systemwechsel – weg vom wachstumsorientierten Neoliberalismus hin zur ressourcenorientierten Care-Ökonomie – ist nicht erst seit dem Davoser Weltwirtschaftsforum 2019 fällig. 

Frauenstreik vom 14. Juni 2019:
https://www.14juni.ch/

Die Meinung die Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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16 Kommentare
  • Alpöhi
    Gepostet um 16:35 Uhr, 22. Mai

    Dem Artikel von Frau Floeder kann man nicht viel hinzufügen. Höchstens dies noch: Sogar wenn man bereit ist, „irgend eine“ Arbeit zu tun, damit wenigstens ein Bisschen Geld hereinkommt, kriegt man in der Schweiz die Stelle nicht, weil man dann angeblich überqualifiziert sei.

    Ich habe immer noch die Hoffnung, dass es dann in 15 Jahren „kehren“ wird, wenn die Babyboomer pensioniert sind. Dazu hatte es übrigens auch einen Artikel in der NZZ.

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    • Ruth Floeder-Bühler
      Gepostet um 08:38 Uhr, 23. Mai

      Die „Babyboomer“ lassen sich aber nicht zwangspensionieren – sie wollen selber entscheiden! Sie wollen ein Recht auf bezahlte Arbeit, auf autonomen Lebensunterhalt und autonome Lebensgestaltung. Was gar nicht anders geht. Denn Hochrechnungen ergeben, dass sie 2030 einen Drittel der Gesellschaft ausmachen. – Die Wirtschaft ist gefordert!!!!

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      • Alpöhi
        Gepostet um 08:48 Uhr, 23. Mai

        Beim Stichwort „pensionierte Babyboomer“ geht es darum, dass die nachrückende Generation die pensionierte Generation zahlenmässig nicht ersetzen kann. Den Firmen gehen also die Mitarbeitenden aus. Man geht davon aus, dass deshalb die Firmen beginnen werden, die ältere Generation ganz neu wertzuschätzen. Aus purer Notwendigkeit.

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  • Seraphim Weibel
    Gepostet um 06:32 Uhr, 23. Mai

    Die ach so kluge Frau…. Intelligenz meint die Fähigkeit sich an die Umgebung anzupassen. Da sie an einer Elite Uni war und sich trotzdem nicht anpassen kann um für sich selber zu sorgen gehe ich davon aus, dass sie von einer klinisch relevanten Persönlichkeitstörung betroffen ist. Das tut mir leid. Wenn sie möchte helfe ich gerne beim vermitteln eines guten Psychotherapeuten.

    Wenn ich die Biographie höre dann klingt das auch nach einer Frau die sich über Jahre von ihrem Mann aushalten ließ und s schlicht nicht nötig hatte zu arbeiten.

    Es ist der Gesetztgeber gefragt und weniger die Firmen. Die Mehrheit der SchweizerInnen wählt SVP und FDP. Also rum motzen gegen Firmen und das Parlament finde ich unangemessen. Es ist von der Mehrheit so gewollt. Soll die Frau doch auf Land fahren und die Bevölkerung aufklären, oder kann sie das nicht mit einem Master Titel? Zu bequem oder zu versnobt um politische Aufklärung zu leisten. Lieber Opfer sein und flennen, sie ist ja so arm.

    Bite genauer recherchieren wenn mit einzel Beispielen gearbeitet wird.

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    • Ruth Floeder-Bühler
      Gepostet um 08:30 Uhr, 23. Mai

      „Eine kluge Frau hat Millionen Feinde – alle dummen Männer.“
      Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

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    • Reinhard Rolla
      Gepostet um 08:53 Uhr, 23. Mai

      Oh Mann…!

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    • Monika Grieder
      Gepostet um 16:37 Uhr, 23. Mai

      Sehr geehrter Herr Weibel
      Haben Sie schon davon gehört, wie teuer ausserhäusliche Kinderbetreuung in der Schweiz ist? Haben Sie sich schon überlegt, dass es einer schweizer Frau mit Kindern oft nicht möglich ist, zu arbeiten, wenn sie sich für eine Familie entscheidet? Ausser, die Famile legt finanziell drauf, damit die Frau überhaupt einem Teilzeitjob nachgehen kann, welcher keineswegs die Kosten für eine KITA deckt?
      Ich frage mich bei Ihrem wirklich wenig sachlichen Beitrag auf welchem Planeten Sie leben. Sicher nicht auf dem schweizer Planeten.
      Es wäre mir als kinderreicher Hausfrau nicht in den Sinn gekommen, dass ich mich von meinem Ehemann „aushalten“ liesse. Sicher ist nur eines: Wenn Frau nach einer langen Kinderpause wieder arbeiten will, dann wird die Schilderung von Frau Floeder mehr als wahr: zu hoch qualifiziert (urprüngliche Ausbildung/Studienabschluss), zu wenig Berufserfahrung (das Führen eines Grosshaushaltes und die Erziehung der Kinder zählt nirgends), und mit über 40 bereits zu alt.
      Ihr Beitrag, lieber Herr Weibel, zeugt von einer Realitätsfremdheit, die befremdet.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 13:48 Uhr, 23. Mai

    Super Ruth; -danke! Ich tweete deinen Beitrag gleich. Sonst tut’s ja keine/r!

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    • Stephan Jütte
      Gepostet um 18:29 Uhr, 23. Mai

      Doch. Aber dann, wenn es die Leute lesen. #guckmaltwitter

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  • fränzi schelldorfer
    Gepostet um 17:34 Uhr, 23. Mai

    genau aus diesen gründen hab ich mich entschieden noch eine ausbildung zu machen die ich mir ermöglicht mich selbsständig zu machen. ich habe keine lust mich abhängig zu machen von arbeitgeber die mich freundlicherweise anstellen. auch möchte ich länger arbeiten können wenn ich das will. ich kann die anderen nicht ändern nur mich, auch gesetzliche rahmenbedingungen ändern die einstellung solcher unternehmen nicht. es zwingt sie höchstens dazu ihre prozesse zu ändern und für solche möchte ich dann such nicht arbeiten. das alles hat mich bewogen das heft selber in die hand zu nehmen.

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  • Kuh
    Gepostet um 19:11 Uhr, 23. Mai

    das thema kausalität kann einem zu kauen geben, besonders uns wiederkäuer*innen. die gabel bewegt den serviettenring. ich bewege ihn. meine linke hand bewegt meine rechte hand. drei mal etwas anderes? dreimal dasselbe? das ist Ihnen veilleicht zu wenig pragmatisch. aber vielleicht berührt es den geschmack für das unendliche. ich persönlich bin von natur aus nicht im erwerbsprozess. habe das auch noch nie vermisst. eben ist ein schüler mit seinem mofa gestartet. der nordwind, den wir klimabedingt seit einigen jahren fast durchwegs haben, vorher war es der südwind, trägt die abgase in meine wohnung. atme ich die abgase dieses zweitaktmotors eine minute lang ein, atme ich so viele schadstoffe ein, wie wenn ich drei stunden lang autoabgase einatme (viertakt). allerdings: startet ein auto im quartier, stösst es, bis der katalysator warm ist, so viele schadstoffe aus, wie wenn es 500 kilometer auf der autobahn fährt. die kommen also alle ins quartier. der schüler fährt mofa, weil er so allmächtig ist, und so seine chancen auf dem erwerbsmarkt besser sind. Sie werden verstehen, dass es mir nichts ausmacht, da nicht mitzutun. und ich finde, wir können heute solche themen nicht mehr unabhängig von der umgebungs-, umwelt- und klimabelastung beackern – und hätten das noch gar nie gekonnt. je mehr klimaentlastung, desto mehr lohn, wäre mein thema. doch habe ich mich darauf spezialisiert, das herauszuarbeiten, was uns ermöglicht, herauszufinden, was wir tun sollen und es dann auch zu tun. je mehr der geschmack für das unendliche, von in Ihrem kurzporträt hier geschrieben steht, sich ausbildet, desto unabhängiger werden wir vom endlichen. und ich sage Ihnen, um das zu tun, eben das mit dem guten geschmack sozusagen, brauchen Sie keinen job. falls das stimmen sollte, was weiter oben geschrieben wird, was ich keineswegs unterstelle, wären (nicht sind) Sie behindert. alle sind etwa gleich „behindert“. die einen erwerbsbehindert, die andern im sinne Ihres zu hohen co2-ausstosses. und dann also: alles gute!

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    • Ruth Floeder-Bühler
      Gepostet um 12:30 Uhr, 24. Mai

      Hallo Kuh,
      Kausal ist, dass sich immer mehr Menschen – inzwischen auch die Kinder, und ihre Eltern verhindern das nicht! – von der Wirtschaft, die nur auf Macht und Geld aus ist, als Öko- und Sozialterroristen rekrutieren lassen. Der Staat, die Gewerkschaften und die Parteien von links bis rechts lassen sich zu Handlangern dieses niedergehenden neoliberalen Systems missbrauchen. Schön brav prognostizieren sie den Weltuntergang, damit die Wirtschaft errettet werden kann. Sie glauben, in den Heiligen Krieg der Weltrettung zu ziehen und merken nicht, dass ihre Heilige Kuh das Goldene Kalb der Wachstumswirtschaft und Gewinnmaximierung ist: Die Wirtschaft ist seit den 1990ern in der Dauerkrise und braucht neue Märkte, um weiter wachsen zu können.
      Und (das ist nun der Teil, den du als Kuh wohl verstehst) viele Menschen – nicht alle, nicht „wir“ – sind so blöd und merken nicht, dass sie sich für die kapitalistischen Zwecke der Wirtschaft ausbeuten lassen: Es geht darum, dass die Habenichtse einander terrorisieren sollen, damit die Reichen noch reicher und die Mächtigen noch mächtiger werden und sich als charismatische Götter an der politischen Weltspitze produzieren können. Aber das verstehst du nicht, du bist ja eine Kuh.

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      • Kuh
        Gepostet um 16:13 Uhr, 24. Mai

        danke für Ihre antwort. mein verhältnis dazu ist das der ruminatio. http://gottesdienstinstitut-nordkirche.de/ruminatio/ es ist tatsächlich so, wenn einer der narzissten, von denen Sie schreiben, zu mir auf die alpweide hochkommt, fühle ich mich nicht berufen, ihn anzubellen. damit bin ich nicht begabt. ich frage mich sogar, ob nicht jesus eine polarisierung von arm und reich begünstigt hat, die wiederum das sich öffnen der scheere begünstigt. ich schaue den touristen an. so fühlt er sich wahrgenommen und verstanden. so beginnt er auch zu sehen. und ich vermittle ihm den geschmack für ku, für die leere, in der, wie die q-theorie sagt, alles gleichzeitig ist, was auch heisst gleichörtig. alles überall. also auch bei ihm. ein wandeln auf dem wasser. ein see oder das meer erscheint uns ja zuerst auch leer. dann aber fische in wunderbaren farben, korallen, muscheln, schmackhafte und heilsame algen. . . und ich vermittle ihm auch den geschmack für gras, vegetarische ernährung. . . und verspreche mir davon bei ihm eine wandlung.

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        • Esther Gisler Fischer
          Gepostet um 12:20 Uhr, 18. Juni

          Unsere Kuh hier stammt offenbar aus dem Norden Deutschlands und grast wohl dort oder woanders. Ihrer Natur inhärent ist das Wiederkäuen als Vorverdauung des schwer verdaulichen Grases im Mund. Auch in der Lectio Divina (Lectio – laut lesen/Meditatio als Ruminatio – Wiederkäuen und betrachten/Oratio – Gebet/Contemplatio – Schau) gibt es einen Schritt des ‚wiederkäuens‘. Danke Kuh für den Hinweis!

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 12:10 Uhr, 18. Juni

      Hallo Kuh
      Gehören Sie dem ‚Alpöhi‘?
      Freundlich grüsst Sie
      Esther Gisler Fischer,
      Milchtrinkerin.

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  • eule
    Gepostet um 16:41 Uhr, 24. Mai

    ich, im übrigen, befinde mich immer wieder im weltweiten klimastreik – bei mir ist es ein sitzstreik auf einem ast – , der besonders heute stattfindet

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