Bin ich eine ökumenische Spassbremse?

Protestanten und Katholiken sollten zwar nicht fusionieren, aber mehr gemeinsam tun, sagt Gottfried Locher im „Blick“-Interview mit Christian Maurer. Sollten sie?

Ja, in aller Regel schon. Damit auch in den Kirchen das praktiziert wird, was im Alltag längst der Fall ist. Reformierte und katholische Menschen lieben sich, heiraten, haben gemeinsam Kinder, sind befreundet, arbeiten zusammen – und fragen kaum je nach der Konfession. In der Spitalseelsorge arbeiten wir zudem auch auf kirchlicher Ebene sehr ökumenisch. Und das ist gut so. Konfessionelle Folklore löst in einem säkularen Krankenhaus bestenfalls noch hochgezogene Augenbrauen aus. Leiden, Angst, aber auch Hoffnung und Dankbarkeit sind universell. Immer mehr Patientinnen und Patienten stellen das Christliche über die Konfessionen, das Mitmenschliche über die Glaubensrichtungen. „Die beste Religion von allen ist ein gutes Herz“ – ganz eindrückliche Worte einer Muslima.

Und trotzdem. Aber. Hm. Kirchliche Mitarbeitende sind anders. Müssen anders sein, vertreten sie ja von Berufes wegen ihre eigene Glaubensrichtung. Und da erlebe ich gelegentlich in der Wahrnehmung katholischer Kolleginnen und Kollegen Verhaltensmuster, die mich auch nachdenklich stimmen. Und bei mir ganz ungewollt meine reformierte Identität stärken. Ich blicke dabei auf eine beruflich praktizierte Ökumene von bald 17 Jahren zurück. Privat lebe ich sie seit über 30 Jahren. Ist es der rasche Rückzug in die Opferrolle zum Beispiel bei Konflikten, der mich aufhorchen lässt? Die Mühe, auf Augenhöhe zu bleiben? Die manchmal demonstrative Beheimatung in der eigenen Gruppe? Oder ist es die Autoritätsgläubigkeit? Konflikte werden ungern direkt und offen ausgetragen oder einfach mal stehengelassen und ausgehalten. Irgendeine Obrigkeit muss sogleich involviert werden und Recht sprechen. Natürlich kann diese Kultur, die ich hier als katholisch-kirchlich identifiziere, sowohl theologisch wie auch historisch (katholische Diaspora in Zürich) erklärt werden. Aber sie ist und versteht sich anders. Ihr Kirchenbild ist anders. Die PlayerInnen innerhalb der Kirche werden anders gewichtet. Es macht einen Unterschied, ob auch Pfarrerinnen selbstverständlich sind. Es macht einen Unterschied, ob gültige Moral von oben her definiert wird, ob Menschen von der eigenen Mahlgemeinschaft ausgeschlossen werden können – eigene Mitglieder, nicht Aussenstehende.

Bei aller Faszination für die Qualitäten unserer Schwesterkirche, bei aller Versöhnlichkeit, bei dem noch so grossen Wunsch, das Verbindende zu betonen – wir sind ähnlich und wir sind anders. Das dürfen wir auch sein. Verschmelzen oder fusionieren wir, geben wir auch etwas auf.  Was wäre das bei uns? Schätzen wir unsere Kultur, unsere Theologie! Die Theologie, die die Frauenordination kennt. Bei der Pfarrerinnen und Pfarrer heiraten oder in Partnerschaft leben dürfen. Bei der Gott und Christus unverfügbar sind. Sola Gratia. Werden wir nicht zu symbiotisch, pflegen wir, was unsere Kirche geformt hat: keine Angst vor Weltlichkeit, Diskurs, Teilhabe, demokratische Prozesse. Und genau das wollen wir auch feiern im Reformationsjahr!

 

Das im Beitrag erwähnte Interview:

«Zwei Kirchen sind überholt!»
Gottfried Locher, Präsident SEK, im Interview von Christian Maurer im „Blick“
Interview lesen

 

 

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19 Kommentare
  • Felix Geering
    Gepostet um 09:21 Uhr, 01. Dezember

    Meine Erfahrung: „mehr gemeinsam tun“ funktioniert nicht. Die Mitarbeitenden und Gemeindeglieder können nicht in zwei Kirchgemeinden mitmachen. Es wäre eine Überforderung.

    Bei uns im Ort haben wir ein wirklich tolles nachbarschaftliches Verhältnis zu den Katholiken und zur katholischen Kirche. Man respektiert und schätzt sich gegenseitig, und arbeitet auch da und dort in ein paar Arbeitsgruppen zusammen.

    Aber es wirkt sich nur minimal auf das Gemeindeleben aus: Zwar besucht man sich gegenseitig zweimal im Jahr an ökumenischen Gottesdiensten. Aber in der Praxis sieht das so aus, dass die immer gleichen fünf Nasen den Weg in die „Nachbarkirche“ finden. Der grosse Rest bleibt an diesem Sonntag einfach zu Hause.

    Man kann das bedauern oder ableugnen; damit ist aber noch nichts gewonnen. Nach acht Jahren OeME-Mitarbeit fragte ich mich: „Warum ist das so wie es ist?“ – Meine Arbeitsthese ist, dass wir Menschen gar nicht wollen. Es ist uns wohler, wenn wir im gewohnten Trott und in den gewohnten Kreisen gehen. (Und wenn ich ehrlich bin, geht es mir genau gleich.)

    Vielleicht wäre es dann pragmatischer, wenn die reformierte und andere Kirchen nicht „miteinander“, sondern „nebeneinander“ leben – gut nachbarschaftlich und in gegenseitigem Respekt, aber nicht in künstlich angeordneter Gemeinschaft.

    Bei den nachbarschaftlichen Beziehungen im Quartier ist es im Grunde genau das Gleiche. Wie leben Sie diese?

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  • Corinne Duc
    Gepostet um 12:14 Uhr, 01. Dezember

    Meiner Ansicht nach sollte ‘Ökumene’ breiter gedacht werden, damit nicht die einen (noch mehr) der Ansicht verfallen, sie verträten die einzige und wahre katholische Kirche, und die anderen, sie stünden für die eine heilige Evangelische.
    Gottfried Locher äussert in jenem Interview auch die Befürchtung, das Evangelium könne nicht glaubwürdig verkündigt werden, wenn wir das nicht gemeinsam tun. Das mag wohl kurzfristig der Fall sein, wenn das so verkündigt und den Medien unter die Nase gerieben wird. Im Allgemeinen aber ist mittlerweile in den meisten Kreisen anerkannt, dass ein (vernünftiger) Pluralismus nicht ein unvermeidliches Übel darstellt, sondern vielmehr Chancen bietet, unseren eigenen Beschränktheiten immer wieder neue Herausforderungen entgegenzustellen und uns gegenseitig mit neuen Erfahrungen zu erfrischen.
    Wer lieber in einer der evangelischen bzw. reformierten Kirchen Mitglied ist, soll das tun dürfen, und wer sich in einer päpstlichen Kirche wohler fühlt, ebenso. Allerdings gilt letzteres nur in der Einschränkung auf jene, die gerade nicht zu den diskriminierten Gruppierungen gehören.
    Eigentlich sollten die Landeskirchen ja als Modell für religiöse Gemeinschaften dienen können, welche mindestens die allgemeinen grundrechtlichen Normen hochhalten, deren Strukturen also selbstverständlich den Grundsätzen der Nichtdiskriminierungen und ganz allgemein des freien menschlichen Zusammenlebens ebenfalls entsprechen sollten. Wie wollen wir dies den anderen Religionsgemeinschaften beibringen, solange wir das selber nicht schaffen?
    Es gibt noch weitere Klumpen an unseren Füssen, wie etwa der Umgang mit sog. Nutztieren und Umwelt überhaupt, von welchen die Kirchen leider so oft lieber schweigen. Da frage ich mich manchmal schon, ob diese Inszenierungen um das äusserliche Ansehen von Kirche nicht gerade dazu missbraucht werde, von unserer Bequemlichkeit (und vielleicht – hoffentlich?! – auch ein paar Gewissensbissen) abzulenken.
    Corinne Duc, Zürich

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 13:09 Uhr, 01. Dezember

    Ein wichtiger und richtiger Beitrag von Barbara Oberholzer: Zum eigenen evangelisch-reformierten Profil stehen und das Erbe der Reformation verteidigen! Ich weiss beim besten Willen nicht, weshalb sich viele Reformierte nach einer Einheit mit der nach wie vor hierarchisch und patriarchal konstituierten röm.-kath. Kirche sehnen und immer auf diese schielen. Es gibt ja auch noch eine innerprotestantische Ökumene, wie sie im SEK bereits mit der Methodistischen Kirche gelebt wird.

    Eine Fussnote der Geschichte: Die Konflikte in unserer Schwesterkirche gehen auf die vergleichsweise liberale Einstellung des Kirchenvolkes zurück, welches sich immer wieder reibt an von Rom bestimmten konservativen Bischöfen. Das war bereits zur Zeit des Schismas von 1850 so, als viele Priester gerne christkatholisch geworden wären, die damaligen Bischöfe jedoch nicht mitgezogen haben und röm.-kath. blieben, was zum Verbleib der meisten KatholikInnen damals bei Rom führte; .ganz nach dem Prinzip „Cuius Regio, eius Religio“.

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 14:41 Uhr, 01. Dezember

      Ich erklär mir das mehr psychologisch, weniger theologisch. Wollen wir nicht dort besonders gefallen und unbedingt ernst genommen werden, wo wir auf Skepsis und Zurückhaltung stossen? Da haben wohl manchmal auch wir etwas Mühe damit, auf Augenhöhe zu bleiben… Gruss nach Seebach! Barbara

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      • Esther Gisler Fischer
        Gepostet um 16:24 Uhr, 01. Dezember

        Ist die Skepsis und Zurückhaltung nicht doch gegenseitig liebe Barbara?
        Gruss ins USZ!

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        • Barbara Oberholzer
          Gepostet um 16:36 Uhr, 01. Dezember

          😆

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  • Wini Schäfer
    Gepostet um 13:15 Uhr, 01. Dezember

    „„Die beste Religion von allen ist ein gutes Herz“ – ganz eindrückliche Worte einer Muslima.“

    Hinter was wir als Menschen nicht zurück gehen sollten ist, dass Frauen auch VOLLWERTIGE Menschen sind. Eine (indirekte) wertende Unterscheidung zwischen den Geschlechtern im Hinblick auf zugestandene Rollen geht an dem Geschöpf Mensch vorbei.

    Monotheistische Relgionen haben da so ihre hausgemachten Probleme.
    Ein mutiger nächster Schritt von uns Reformierten, als eine sich reformierende Kirche, wäre das Anerkennen des Menschen als NICHT defizitär. Alles ist in uns angelegt, auch die Schöpferebenbildlichkeit. Es braucht keine Vermittlungsinstanz(en). Es braucht allerdings Vorbilder für vertikale Aufrichtigkeit, eben ein einmütiges Herz und einen lebendigen Geist – der geweckt wird, der sich wecken lässt.

    Hes 11:19 Und ich werde ihnen ein einmütiges Herz geben, und in ihr Inneres werde ich einen neuen Geist legen. Das Herz aus Stein aber werde ich entfernen aus ihrem Leib, und ich werde ihnen ein Herz aus Fleisch geben.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 14:35 Uhr, 01. Dezember

    Ich danke sehr herzlich für alle diese echt weiterführenden Kommentare! Kein Grund, uns zufrieden zurückzulehnen, bloss weil wir die Frauenordination haben. Noch viele weitere Themen wären auf dem evangelisch-reformierten Radar, Tierethik grad ganz besonders. Und selbstverständlich bleibt auch die Ökumene eins davon.

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    • stephan
      Gepostet um 19:39 Uhr, 01. Dezember

      !spoiler-alarm! tierethik kommt! am montag.

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      • Anonymous
        Gepostet um 08:44 Uhr, 02. Dezember

        Gut so!

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  • Marina Zumstein
    Gepostet um 14:16 Uhr, 02. Dezember

    Ich arbeite nun seit fast drei Jahren neben dem Theologiestudium in der Klinikseelsorge und kann alle geschilderten Eindrücke sofort nachvollziehen. Unglaublich gute und prägnante Darstellung. Vielen Dank für diesen Artikel!

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 14:33 Uhr, 02. Dezember

    Danke auch 😃! Die Erfahrung machts!

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 19:09 Uhr, 02. Dezember

    …. und in der Familie? wird Ökumene nicht auch in den Familien gelebt?! Mit allem das dazwischen liegt.
    Zwischen katholischen Grosseltern und ungetauften Gross-Kindern einer reformierten Mutter und eines vielleicht eher atheistischen Vaters. Geht eine reformierte Taufe mit „katholischem“ Segen überein?
    Alles was geschah, geschah aus Liebe. Toleranz und Einfühlsamkeit auf beiden Seiten waren wichtig. und oder wie gesagt: „Die beste Religion ist ein gutes Herz“. Und ja jede und jeder kann und will seinem Haus treu bleiben. Die Unterschiede sind da, was dahinter steht die Haltung von Reformiert oder Katholisch, und gerne besuchen wir das Gewohnte, denn hier finden wir diese Handlungen auf die wir „warten“.
    Tja, und es kam mir auf dem Hundespaziergang der Gedanke: es könnte ja ein Thema für ein Erzähl-Café sein „Ökumene in der Familie – wie wird sie gelebt“ … ?

    Und in der Nachbarschaft? Wie oben die Frage von Herrn Geering: Da war vor allem in der Kinderzeit ein gelebtes Miteinander von uns Nachbarn aus verschiedenen Religionen. Mit allem „Queren“ Andersleben das sich auch zeigte. Wichtig blieb für alle das miteinander Unterwegssein wollen. Z.B. Kinder fasten mit bei den Muslimen, besuchen die Moschee, aus Neugier und Freundschaft. Wir hatten hier einen grossen Vorteil, niemand in unseren Häusern hat einen eigenen Garten. Der grosse Garten eines Sportplatzes bot viel Platz und Möglichkeiten für ganze Familienaktvitäten zusammen, Meist aus dem Anstoss der wunderbaren Kreativität der Kinder. Vor allem in den Sommerferien. Da war Zeit und Raum für…

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  • Seraphim Weibel
    Gepostet um 17:50 Uhr, 05. Dezember

    Es gibt zwei Arten von Kirchen. Die Inhaltliche und die Formelle. Inhaltlich gibt es wiederum zwei Gattungen, die einen die verstehen um was es geht und die andern. Lustigerweise sind gerade jene die nicht ganz verstehen um was es in der gemeinschaft der Christen geht, die die am stärksten in die formellen Angelegenheiten involviert sind. Vom andern verstehen sie ja nix. Und die die verstehen um was es geht, sehen keinen Bedarf den Grossteil ihrer Kräfte für sinnlose struktur Diskussionen zu verwenden. Daraus folgere ich a) Die Basis wird fortbestand haben, auch wenn die Landeskirche an ihren verstaubten Strukturdiskussionen fest hält. b) es ist nicht schade um die Landeskirchen, die nur noch Kranke, Verrückte, Naive und Pfründenverköster Anziehen. Erinnert mich insgesammt an das alte Rom kurz vorm Untergang. Eine Reformation tut not, aber da sind sie alle Taub und reden von Traditionen. Unscharfen und verklärten Termini wie : Jesus liebt dich .Ein Termini der offen lässt ob nun leibhaftig ein Typ der seit 2000 Jahren tot ist dies zustande bringt. Aber sie legen alles Wörtlich auch. Nur schon von Symbolen zu reden ist Ketzerei. Predigen ist auch einfach als Zuhören und in der Sprache der zeitgenössischen Mitmenschen sich auf einen Dialog einzulassen. Überfordert, Regrediert, veraltet, überaltert schein tot. Das ist die Anklage.

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    • stephan jütte
      Gepostet um 14:19 Uhr, 06. Dezember

      hey, das ist so pauschal und von oben herab. inwiefern wird in der spitalseelsorge gepredigt? wer macht heute noch solche aussagen, ohne zu sagen was es für ihn bedeutet?
      und was trägt ihre arrogante haltung zur reformation bei? sie sind bestenfalls ein zuschauer, der wetten abschliesst. mich interessieren mitspieler.

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    • Felix Geering
      Gepostet um 11:11 Uhr, 07. Dezember

      Es gibt zwei Arten von Kirchenkritikern: Die, die nicht hinschauen müssen, weil sie schon vorher wissen wie es um die Kirche steht, und die anderen.

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  • roulettesystem24.net
    Gepostet um 16:06 Uhr, 03. Januar

    Ganz erstaunlicher Beitrag, was Sie da veröffentlicht haben. Wissen Sie schon wie man das Problem lösen kann?

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  • roulettegewinnen.eu
    Gepostet um 19:01 Uhr, 05. Januar

    Ziemlich krasser Kommentar, in der Tat !

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