Das Kloster in mir

„Das ist eben meine Berufung. Nicht besser oder schlechter als jede andere Berufung auch. Aber darum geht es: Ihr alle habt eine Berufung. Mit jedem von euch hat Gott einen Plan. Und den herauszufinden und zu leben ist unser Glück.“

Schwester Madlen, die für die Betreuung der Gäste im Dominikanerinnen-Kloster Ilanz zuständig ist, wo ich zusammen mit Studis der Uni Zürich eine Woche verbringe, sagt das in einer Gelassenheit und Freude, die jene Enge, die man fühlen mag, wenn man diese Sätze liest, gar nicht erst aufkommen lassen. Das ist überhaupt die Gabe dieser Frau. Sie kann Dinge tun, die mich, würde ich es nur hören und nicht miterleben, an eine Schamgrenze führen würden: Plötzlich stimmt sie während der Klosterführung ein Lied an oder fordert uns zu griechischer Musik zum Pilgertanz auf. Alles was sie tut, strahlt eine zwanglose Leichtigkeit aus und ermöglicht es mir, mich auf Dinge einzulassen und mich in Situationen wohl zu fühlen, die ich üblicherweise vermeide.

„Ihr seit aber ganz schön viele Schwestern“, sage ich, als wir vor der Pforte warten bis die Klosterführung beginnen an, um höflich ein Gespräch zu beginnen und weil ich sonst nicht recht weiss, was ich zu der Laudes – der Morgenandacht – sagen soll, die ich gerade besucht habe. Sie erzählt mir dann, dass es etwa hundert Schwestern sind, dass sich diese stattliche Zahl aber daraus ergibt, dass sie die „Filialen“ geschlossen hätten und nach Ilanz zurückgekehrt sind, dass der Altersdurchschnitt der Schwestern bei 83 Jahren liege und seit 20 Jahren keine Schwester mehr eingetreten sei. „Langsam aber sicher wird das ein Altersheim.“

 

Die Letzte löscht das Licht

Nicht aus dem Gefühl als Leiter der Gruppe eine Frage stellen zu müssen, sondern weil mir das mit der Berufung und dem langsamen Wegsterben des Ordens nicht mehr aus dem Kopf will, frage ich Schwester Madlen am übernächsten Abend, als sie uns zu einem lockeren Austausch besucht, „was das alles mit ihr macht“: Zwanzig Jahre ohne Eintritte, dafür Austritte und Wegsterben enger Weggefährtinnen. Zunächst beteuert sie mir, dass es genügend Aufgaben gibt, wenn aus einem Kloster nach und nach ein Altersheim werde, wenn Pflege und Versorgung der älteren Mitschwestern immer ressourcenintensiver werde. Ungeduldig fahre ich dazwischen: „Ja, aber hast du dir deine Berufung etwa so vorgestellt?“ Sie schmunzelt und erzählt uns dann, wie sie vor kurzer Zeit die Grabstätte der Gründer ihrer Kongregation – Priester Dr. Johann Fidel Depuoz und Generaloberin Maria Theresia Gasteyer – aufgesucht habe.

 

„Wir müssen reden“, habe sie zu sich gesagt.

„Ja, ich musste mit ihnen reden. Denn was wollten die beiden eigentlich damals mit der Kongregation? Sie wollten Schulbildung und Krankenpflege in diese strukturschwache Region bringen. Gut, das haben wir erreicht. Spital und Schule sind jetzt sogar in der öffentlichen Hand. Jedes Kind geht zur Schule. Jeder kann im Spital versorgt werden. Die Letzte löscht das Licht. Aber bis es soweit ist, haben wir noch zu tun hier.“

 

Gestalten, nicht entwerfen

Weiss man seine Berufung im Voraus? Gibt es diesen einen Plan, aus dem viele Aufgaben erwachsen für mein Leben? Oder besteht die Lebenskunst darin, mitten im Leben sein Leben als etwas zielgeordnetes und sinnvolles zu begreifen? Und ist das zwangsläufig eine Alternative? Vielleicht ist dies das Geheimnis des Charismas, das diese Schwester ausstrahlt. Charisma als Gnadengabe, sein Leben in einem grossen Zusammenhang anzunehmen, sich selbst nicht erfinden zu müssen, sich in einem Leben anzunehmen, das man nicht entworfen hat, sondern „nur“ zu gestalten braucht? Vielleicht hat sie das gemeint, als sie uns sagte, dass überall unser Kloster sein kann.

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10 Kommentare
  • Anita Ochsner
    Gepostet um 11:23h, 27 April Antworten

    Ich denke, wer sein eigenes „Leben als etwas zielgeordnetes und sinnvolles“ begreiffen kann, was ich als Geschenk betrachte, der / die ist in aller Arbeit der oder die sie oder er verrichtet, mit dem „Klosterinmir“ bei der Arbeit. So ist es überall. Wenn man dahin kommen kann?! Die Schwestern, und „die letzte löscht das Licht“. Berührt mich sehr.
    Erstmal muss man „Das Kloster in mir“ hören können. Wenn man dem noch nachgehen kann.. ?! Um so besser. Darum geht es doch eigentlich im Leben. Ich meine damit, die Umstände die Gegebenheiten … können wir dem Ruf folgen? Ist nicht das die Schwierigkeit, oder machen wir es uns manchmal fast „absichtlich“ schwerer als notwendig auf das „Kloster in mir“ zu hören? Wenn ich auch schon Curricula von Menschen lese, denke ich, die haben auf ihren Ruf gehört.. sind immer wieder weitergegangen von Stationen zu Stationen und haben wohl gefunden?! Stelle ich mir vor. Dazu gehört auch Bildung. Die Schwestern sehen sich in einem grossen Ganzen verbunden mit ihren Vorfahren. (Können wir, ich das auch sehen?)
    Dass es Schule bei uns überall gibt, und ganz viel Material! (braucht es immer soviel?) dazu und ganz viel Wissen vermittelt wird, das ist gut. Dann sind sie 14, 15 Jahre alt und müssen wissen was „ihre Berufung“ ist. Da ist viel Druck oftmals, und in allem Wissen das eingepflanzt wurde, haben sie üben können auf ihr „Klosterinmir“ zu hören?
    Ich betrachte es aber auch als ein Gewinn unserer Gesellschaft, überhaupt einen Beruf wählen zu können. Und unser Bildungsystem das sich auch immer wieder verändert aufmacht.. für alle. An dem nicht gespart werden darf! Vielleicht aber eben gehört das gleichsam zu Bildung gleichwertig! Üben auf die innere Stimme zu hören. Uns auf unser Begabungen sensibilisieren. Damit wir nicht mit 50 Jahren Burnout- Geschichten aufzuarbeiten haben, sondern mit über 50 Wissen und Erfahrungen als wertvolle Gaben weitergeben teilen können… in einem menschlichen Rhythmus, in gegenseitiger Wertschätzung. Alt und Jung, Wissen und Erfahrung zusammen teilen.

    Ich für mich suche gerne bestimmte Orte auf, für das „Klosterinmir“, es zu pflegen zu nähren, die eigene innere Stimme zu hören. Dass die Schwester „spricht“ am Grab. gefällt mir. Ein solcher Ort war für mich auch schon der Innenhof vom Kloster Kappel. Die grüne Wiese. Der Himmel über allem, Die Erde unter meinen Füssen.. barfüssig.
    Danke für diese Einblicke Gedanken und Worte aus diesem Klosterbesuch! Dass Ihr dieses Kloster während des Studiums besucht! Und ein paar Tage bleibt. Finde ich eine gute Sache, wichtig .. wie es wäre würden Lehrlinge aus x berufen eine Woche im Kloster verbringen.. oder Kindergärtler, BasisstufenschülerInnen, Alle Schulstufen… „was höre ich ..“ ? – BasisstufenschülerInnen haben ja oft ihre Schule im Wald! Da ist gut für das Klosterinmir. ,-)

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    • Anita Ochsner
      Gepostet um 11:41h, 27 April Antworten

      … ÜK´s (überbetriebliche Kurse) in Klöstern. Mauerer reparieren Mauern, Dachdecker das Dach, Fachmann Betriebsunterhalt reinigen Duschen, Pflegefachleute pflegen in Klöstern.. heute finden die ÜK in Spital , Schulhäusern ect. statt, – in Klöstern.. kommen noch etwas anderes dazu mit? Studis können soviele Dinge tun, erfahren!
      dazu hören sie wer weiss ihr „klosterinmir“ 😉

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    • stephan
      Gepostet um 21:12h, 27 April Antworten

      es waren tatsächlich ganz unterschiedliche gruppen da, die alle vor allem stille und einkehr gesucht haben. für mich wars eine premiere. aber ich gehe sicher wieder:-)

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  • Matthias Kägi
    Gepostet um 12:17h, 27 April Antworten

    Ich kenne Schwester Madlen. Die Beschreibung ist sehr zutreffend. Sie ist angekommen. Sie lebt mit der Komplementarität: Intelligenz und kindliches Gottvertrauen / Gehorsam gegen Gott und innere Freiheit / grosse Herausforderungen und grosse Gelassenheit / Bewusstsein des Sterbens und Freude am Leben …
    Warum soll es heute so schwierig sein, anzukommen im „Kloster in mir“? Etwa weil wir lieber suchen statt finden? Weil wir immer meinen, es müsste doch noch etwas Besseres geben da draussen? Weil wir uns so an den Lärm gewöhnt haben, dass wir Angst haben vor der Stille des „Klosters in mir“?
    Hören wir doch auf, den Umständen die Schuld zu geben! Nur indem wir diese Sehnsucht ernst nehmen und die Verantwortung für uns selbst übernehmen, können wir ankommen.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 16:44h, 27 April Antworten

    Lieber Stephan, alle deine Beiträge zeigen mir, wie wichtig und bereichernd es ist, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, durchlässig zu sein für das Leben und andere Menschen. Ob das auch eine Berufung ist? Oder eine besondere Begabung? Auf jeden Fall immer wieder ansteckend für mich 🤗!

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    • stephan
      Gepostet um 19:43h, 27 April Antworten

      herzlichen dank! dann versuche ich mich jetzt mal einfach so zu deuten😄 herzlich, stephan

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  • Ruth Floeder-Bühler
    Gepostet um 00:57h, 02 Mai Antworten

    Eine Berufung haben ist das Eine – diese ausserhalb eines Klosters zu leben, ganz etwas anderes. An der Uni vielleicht, als Studentin? Ja, es sollte überall möglich sein! Eine Berufung haben bedeutet nämlich, mit viel Freude und Sinn Ziele zu haben, sein Leben zu gestalten und ein Stück Welt gleich mit zu verändern, nein, nicht zu verbessern, sondern menschlich zu machen. Eine Berufung braucht materielle Bescheidenheit und kreative Üppigkeit. Sie braucht Raum mitten im Leben – ausserhalb des Wertesystems von Vorurteilen und Zeitknappheit – ein sich Einlassen auf das, was da ist, auf den Menschen, der da ist.

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    • Verena Thalmann
      Gepostet um 08:26h, 06 Mai Antworten

      Dieser Kommentar hat mich angesprochen. „Raum mitten im Leben – ausserhalb des Wertesystems. von Vorurteilen und Zeitknappheit „. Gute Zielrichtung – nicht immer einfach dem nachzugehen. – Ja, sich Einlassen auf das, was ist, auf Menschen, die da sind. Danke für den Impuls!

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  • Roland Portmann
    Gepostet um 07:48h, 06 Mai Antworten

    Ein interessanter und inspirierender Artikel: Ich bin gegenüber „Berufungen“ als Protestant aber etwas kritisch… Viele Menschen in der Weltgeschichte fühlten sich schon zu etwas berufen und das nicht immer zum Guten… Berufen werden, das ist meiner Ansicht etwas, dass einem zugesagt wird und sich im Leben, Alltag zeigen und bewähren muss: So werden beispielsweise reformierte Pfarrpersonen von der Landeskirche ordiniert, vom Kirchenvolk gewählt und von den DekanInnen im Auftrag des Kirchenrates eingesetzt. Sie werden also durch das Volk, die Gläubigen und die Institution berufen

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  • office window tinting Colorado Springs
    Gepostet um 05:05h, 12 Juli Antworten

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