Die Firma

Der Senior-Präsident der Firma sass auf dem Ledersessel und hatte seine Füsse auf dem teuren und polierten Mahagoni-Tisch gelegt. Junior lief im Büro hin und her, während Peter, der langjährige Unternehmensberater, im Hintergrund stehend zuhörte.

„Vater, leider sind die Zahlen auch in diesem Jahr rückläufig“, gab Junior niedergeschlagen zu.

„Sind alle Niederlassungen betroffen?“, fragte der Präsident.

„Obwohl einige besser arbeiten, verlieren wir netto immer noch Mitglieder…“

„Ich frage mich, woran es liegen könnte. Wir haben ja schliesslich teure Berater, die uns beim Business Process Redesign helfen sollten…“, sagte der Senior durch seine Brille und schaute Peter vorwurfsvoll an.

Der Unternehmensberater schluckte leer, nahm seine Mappe, wühlte darin herum und las mit zittriger Stimme vor: „Die Liste der Insights aus der Marktforschungsabteilung ist ziemlich lang: Es wird zunächst bemängelt, dass die Customer Experience im Gottesdienst unterdurchschnittlich sei: Die Leute langweilen sich, wir verlieren gegenüber Kino, Theater, Film, Konzert und Sport haushoch. Wir hatten im vergangenen Jahr unzählige Reklamationen: die Kunden würden für Dienste bezahlen, die sie nicht nutzen. Die Konkurrenz-Situation zwischen den Niederlassungen ist zudem destruktiver Natur: Jede preist die eigenen Dienstleistungen an, nur wenige setzen sich für gemeinsame Lösungen ein. Und aus Sicht der Kommunikation läuft auch nicht alles optimal: Wir erreichen die Jugendsegmente praktisch nicht, werden Image-mässig als verstaubt angesehen und sprechen eine veraltete Sprache. Zudem könnte die Unternehmenssteuer-Reform III unsere Mittel drastisch…“

„…Ist gut, Peter, du kannst aufhören“, polterte der Präsident und fügte hinzu: „Wir haben keine andere Lösung: Du musst wieder runtergehen, Junior.“

„Aber Vater! Nochmals?“

„Es geht nicht anders. Du siehst es! Es ist ein Schlamassel…“

„Und was soll ich tun?“

„Sprich mutig unbequeme Themen an, setze dich für die Gerechtigkeit ein und bilde Brücken zwischen den Völkern. Riskiere dein Leben dafür! Behandle die Menschen als mündige Wesen und auf Augenhöhe. Kommuniziere in einer klar verständlichen Sprache. Sprich spirituelle Themen an und setze dem Fanatismus einen Riegel. Schare Menschen um dich, die deine Gedanken in der Welt weitertragen können. Liefere Instrumente, um das Leben besser meistern zu können. Unterhalte sie, bring sie zum Lachen und zum Nachdenken! Und preise deine Lehre nicht als Produkt an, sondern als Lebenseinstellung.“

„Und woran soll bitte der Unterschied im Vergleich zu vor 2‘000 Jahren liegen?“, fragte Junior verwirrt.

Der Präsident seufzte demoralisiert und sagte: „Du hast recht, Sohn. Sie haben alles, was sie benötigen. Wir können jetzt nur rumsitzen und beobachten, was dabei herauskommt.“

 

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3 Kommentare
  • Susanna Meyer
    Gepostet um 09:30h, 23 Januar Antworten

    Lieber Herr Präsident , wenn Sie sich schon zu schade sind Ihren Sohn nochmals zu schicken dann bitte schicken Sie wenigstens einen Engel, wäre das was? Oder lassen Ihren Einfluss über den versprochenen Beistand wirken? – — ja ich weiß, alles ist da… Bleibt noch die Bitte: blinden die Augen zu öffnen, Tauben die Ohren entstopfen, stummen die Zunge freizulegen …. Und dann, wie sagte einst unser von mir nicht so geliebter Professor, der ausnahmsweise doch ab und zu recht hatte? „Auf, ans Werk!!!“

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  • Susanna Meyer
    Gepostet um 12:11h, 23 Januar Antworten

    Sorry Herr Präsident, das heute Morgen war ein schnellschuss: wenn ichs mir länger überlege, dann muss ich sagen: ein resigniertes Achselzucken von Ihrer Seite reicht mir nicht. Ihr Sohn hat im letzten Buch andere Töne hören lassen, über die er Sie vielleicht noch gar nicht informiert hat, der Schlaumeier. Wenn’s ganz schlimm wird sagte er, will er nochmals kommen, als siegesheld, auf einem Schimmel reitend und wirklich stark und kraftvoll. Bitte sprechen Sie nochmals mit Ihrem Sohn!

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  • Angela Wäffler-Boveland
    Gepostet um 18:23h, 23 Januar Antworten

    Liebe Herren der Chef-Etage
    kann es sein, dass Sie gerade eben vergnügt schmunzelnd auf den Bildschirm schauen und sich köstlich amüsieren über die Fantasien der Mitarbeitenden? Kann es sein, dass Ihnen der frische Wind des Schalkes und des Witzes aus den Augen blitzt, weil die grosse Neustrukturierung, längst angekündigt und in die Wege geleitet, zur Zeit im Mittleren Kader vehement behindert wird? Natürlich: da befürchtet manch einer, dass die Ressorts und Aufgaben neu verteilt werden. Da sorgen sich einige um die erworbenen Bequemlichkeiten und Privilegien. Kann es sein, dass der Atemzug der Erneuerung längst alle Etagen durchpustet? In diesem Sinn freue ich mich (als kleines Licht im Betrieb), wenn diese Brise immer mehr Menschen erfasst, die sich anblasen lassen von der Geistkraft, die nicht zu unterschätzen ist (siehe Joh 3,8). Anders als in den Betrieben dieser Welt brauchen die unteren Ränge sich nicht um ihre Bedeutung, ihre Würde und ihren Wert zu sorgen, sondern können sich auf die Erneuerung in der Kraft des Geistes freuen.
    übrigens: am 9.2.17 fragen wir bei „AndersWorte“ nach diesem Geist: http://www.wtb.ref.ch/wtb/kursunterlagen/bibelarbeit/andersworte/mitmachen-pilotgruppe-andersworte-in-zuerich/Andersworte_Prospekt%202017.pdf/view

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