Eine syrische Geschichte

„Ich heisse Rafik, lebe im östlichen Teil von Aleppo und bin 18 Jahre alt. Wie’s überhaupt soweit kommen konnte, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Vor zehn Jahren waren wir eine glückliche Familie, die mit viel Arbeit einigermassen über die Runden kam. Vor dem Krieg war nicht alles gut, dem stimme ich zu. Die Assad-Familie regiert das Land seit Jahrzehnten und unterdrückt die Opposition, teils auch mit Gewalt. Was aber in unserer Stadt jetzt abgeht, ist kaum zu glauben: Armut, Gewalt, Krieg, Giftgas, Tod.

Wir können in Syrien schon lange nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden. Mir ist es egal, ob die Amerikaner oder die Russen, die Türken, die Israelis oder die Saudis daran schuld sind. Ich weiss nur, dass der Onkel im Kugelhagel gestorben ist und meine Schwester von Tag zu Tag dünner und schwächer wird, weil wir nicht genug Nahrung auftreiben können. Unsere Stadt ist nicht mehr zu erkennen, nur noch Schutt und Asche. Zwischen den Trümmern sind meine Träume verstreut. Ich kann sie nicht mehr finden und weine deshalb jeden Abend. Meine Tränen bringen aber nichts. Mutter schluchzt, es bringt aber nichts. Vater schreit, es bringt aber nichts. Schwester stirbt, es bringt aber nichts.

Die Leute trauen sich nicht mehr raus. Ich kann deswegen nur ein paar Granatäpfeln am Tag verkaufen. Viel zu wenig. Uns fehlen die Medikamente für Grossvater. Mir bleiben nur noch zwei Alternativen: Entweder schliesse ich mich den Rebellen der Al-Nusra-Front an (sie zahlen gut) oder ich flüchte nach Europa (dort gibt es Arbeit). Ich möchte aber ehrlich gesagt hier bleiben, bei meiner Familie. Aber das geht leider nicht. Mein Freund Ismael kämpft jetzt als Rebell und möchte Assad stürzen. Ismael betet fünfmal am Tag und ist nicht einmal gläubig! Ob es die richtige Entscheidung ist? Ist Assad wirklich der Bösewicht? Was wird aus uns nach seinem Sturz? Die, die für uns entscheiden, sitzen tausende Kilometer von uns entfernt, in gut geheizten Zimmern und haben keine Ahnung, was wir hier erleben.

Seit Wochen habe ich Ismael nicht mehr gesehen. Ob er noch lebt? Ob es ihm gut geht? Ich habe viele Fragen, aber leider keine Antworten. Bin verwirrt und verstehe nicht, wieso das Chaos nur noch grösser wird. Könnt ihr etwas verändern? Könnt ihr uns helfen? Macht bitte, dass es mit dem Krieg bald aufhört. Mit jeder zusätzlichen Bombe stirbt ein Stück Hoffnung und macht einer gefrässigen Wut Platz, die ich nicht zähmen kann. Ich habe mich verändert, die Stadt hat mich verändert. Und ich habe Angst vor der Zukunft, weil ich nicht weiss, welche Person ich werden könnte.“

 

Liebe Lesende, diese Geschichte ist frei erfunden, ein „Fake“ sozusagen. Ich hoffe, dass ihr mir nicht allzu böse seid. Aber so unter uns: Wer kann heutzutage zwischen Wahrheit und Lüge durchblicken? Ich nicht. So viele unterschiedliche Narrative gelten für Syrien, die sich gegenseitig vermischen und neutralisieren. Nur das Leid wird täglich grösser, leider dasjenige von echten Menschen und nicht von fiktiven Figuren.

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9 Kommentare
  • Verena Thalmann
    Gepostet um 21:12h, 19 April Antworten

    ….sehr bewegend – es nimmt mich hinein in das Geschehen dort – ganz konkret! Vielleicht der Realität noch näher, als vieles, was wir von diesem Kriegsgebiet und den Menschen dort sonst noch lesen oder hören. (?)

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  • Verena Thalmann
    Gepostet um 12:03h, 21 April Antworten

    Es macht mich traurig, dass zu diesen ergreifenden Worten von Luca Zacchei (auf diesem Blog) keine Kommentare kamen – schade.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 08:33h, 22 April Antworten

    Liebe Frau Thalmann

    Es geht mir bei den einen oder anderen Beiträgen oft so, dass ich mich frage, weshalb hier „keine“ Kommentare kommen. ? Da denke ich auch an den Beitrag „den Tod streicheln“.
    Ihren Worten zu diesem Beitrag schliesse ich mich gerne an. Konkret beschrieben, dass hier keine Kommentare kamen, sicher nicht, weil jemand böse über den „Fake“ ist. Glaube ich nicht.
    Nur auch, was soll man sagen.. ? die Bombenanschläge auf Aleppo, da kann ich mir nicht vorstellen, dass hier Menschen überhaupt noch „leben“. keine Worte – oder eben Worte auch diesem Beitrag.. Unsere eritreische Freundin erzählte kürzlich, dass sie vieles aus ihrem Leben vergessen habe, erst durch den Prozess zur Autoprüfung, durch die Tests beim psychiatrischen speziellen Dienst für Autofahrprüfung, sei ihr vieles wieder gekommen. Die Autofahrprüfung hat sie nicht bestanden. Was sie sonst für sich daraus gewinnen konnte aber, sei für sie eine positive Erfahrung! Auch ein Staunen, darüber, was sie alles „vergessen“ hätte.
    Berichte gibt es nachzulesen auf „Farbe bekennen“, einer sagt da, er hoffe, dass hier Friede ist.

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    • Verena Thalmann
      Gepostet um 10:56h, 22 April Antworten

      Liebe Frau Ochsner
      Tut gut zu wissen, dass man mit einer Meinung bezw. mit einem Gefühl nicht alleine ist. Danke für Ihre Reaktion und das mutmachende Beispiel der eritreischen Freundin!
      Ja, ich glaube auch nicht, dass es einen Zusammenhang hat mit dem Hintergrund, dass es quasi ein „Fake“ ist. Vielmehr ist es vielleicht so, dass es uns manchmal buchstäblich „die Sprache verschlägt“ und es schwer fällt sich dazu zu äussern. Ich bin auch daran, zu lernen, mich trotzdem auszudrücken, wo es eher schwer fällt. Im persönlichen Alltag …. und manchmal auch auf diesem Blog.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 11:43h, 22 April Antworten

    Vielen Dank dafür, dass Sie darin unterwegs sind, mutig gerade hier in diesem Blog auch. Ihre Worte haben mich endgültig dazu ermutigt, einen „alten“ Kommentar den ich zum Tod streicheln vor Monaten geschrieben habe, in den Blog zu stellen. Heute.
    Die Karfreitag und Ostertage liessen mich daran erinnern.. und auch zu diesem Beitrag in österlichem Sinne – wer ohne Hoffnung ist, kann nicht mehr leben

    Da kommt mir auch Viktor Frankl`s „Logotherapie…“
    herzlichst gegrüsst und Danke ,-)

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    • Verena Thalmann
      Gepostet um 21:40h, 22 April Antworten

      Das ist wirklich erfreulich! Ich habe Ihren Kommentar zu „den Tod streicheln“ gelesen. Es tut gut, sich abgeholt und angesprochen zu fühlen (mehr dazu auf jener Seite …)
      lieben Gruss

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 00:33h, 23 April Antworten

    Jetzt bin ich gespannt, wechsle mal die „Seite“ .. ,-) mit einem lieben Gruss zurück.

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  • Mike Chudacoff
    Gepostet um 11:35h, 28 April Antworten

    Ich bin etwas ratlos ob diesem Beitrag. Geht es nun um die syrischen Flüchtlingen oder um Fake News?

    Wir können die Flüchtlinge bei uns auf vielfältige Art und Weise helfen, es gibt genug Beispiele (auch in der Kirche)… HEKS, Solinetz etc.

    Zu Fake News empfehle ich diesen Beobachter-Artikel: http://www.beobachter.ch/konsum/multimedia/artikel/falschmeldungen_so-erkennen-sie-fake-news

    beste Grüsse

    Mike Chudacoff

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    • Luca Zacchei
      Gepostet um 13:41h, 28 April Antworten

      Lieber Herr Chudacoff, die Geschichte ist zwar frei erfunden, soll aber zum Nachdenken anregen. Wir befinden uns in einer Zeit, in der man vor lauter Fakten und Gegenfakten kaum den Überblick behalten kann. Ich habe zum Syrienkrieg eine klare Meinung: Solange in der Region geopolitisch motivierte Kriege stattfinden (Zugang zu Rohstoffe und Ressourcen), die auf Kosten der Zivilbevölkerung gehen, werden wir nur noch mehr Hass und Terror schüren. Mit der Aufnahme der Flüchtlinge bekämpfen wir die Symptome, nicht aber die Ursachen des Krieges. Ich empfehle Ihnen die Lektüre des Buches: „Wer den Wind sät“ von Michael Lüders. Freundlich grüsst, Luca Zacchei

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