Fasten bei Pfarrers 2.0

Es wurde wieder Fastenzeit und Pfarrers machten sich Gedanken darüber, wie sie diese besondere Zeit im (Kirchen-)Jahr gestalten möchten. Die älteren zwei Kinder – 8- und 10-Jährig – waren sich sofort einig – man wolle es wie im letzten Jahr machen und auf Fleisch verzichten. Die Jüngste folgte der Diskussion skeptisch und war nicht gerade begeistert von der Idee. Daraufhin meinte die Zweitklässlerin: „Wir können ja auch Bildschirmfasten.“ Worauf die 4-Jährige postwendend antwortete: „Das chöit dir scho mache – eifach ohni mi!“

Also einigten wir uns doch darauf wieder auf Fleisch zu verzichten.

Kaum zwei Tage vergangen, sass ich mit meinen Konfirmandinnen bei Brot und Wurst und merkte nach dem ersten Bissen, dass ich Fleisch esse. Es war mir tatsächlich sehr unangenehm, weil ich mich unseren Kids gegenüber als Verräterin fühlte. Ich schluckte den Bissen hinunter und bediente mich fortan am Käse. Niemand sagte, dass es einfach würde.

Wobei auf Twitter jemand der Meinung war, dass Fleischfasten ja wirklich viel zu einfach sei. Eben nicht so einfach, wie es sich herausstellen sollte. Mit den Kindern haben wir abgemacht, dass sie Fleisch essen dürfen, wenn sie irgendwo eingeladen sind und es dort Fleisch gibt. Es geht ja nicht darum, komplett asketisch zu leben, sondern darum über eine bestimmte Zeit bewusst auf etwas zu verzichten.

Wir Eltern wollten mit gutem Beispiel vorangehen und wenn möglich keine Ausnahmen machen. Zu diesem Zeitpunkt in der Überzeugung, dass dies tatsächlich problemlos möglich wäre. Nicht viel später sass ich mit einer Trauerfamilie beim Leichenschmaus, während „Pastetli und Chugeli“ serviert wurden. Ich musste abwägen: Esse ich jetzt einfach das servierte Menu oder bekenne ich mich zum Fasten? Da wir uns in einem renommierten Lokal befanden, dachte ich, dass an Vegetarier gedacht wurde und so fragte ich nach, ob ich die vegetarische Variante haben dürfte. Es folgten entgeisterte Gesichter, nicht nur die Servicefachfrau, auch die Trauerfamilie schaute mich fragend an. Ich antwortete schüchtern – als ob mich Fasten als oberkonservativ und undifferenziert fromm entlarven würde – dass ich zur Zeit eben auf Fleisch verzichten würde.

Natürlich erhielt ich von den Fleisch produzierenden Landwirten ungläubige Blicke. Was ich denn gegen Fleischkonsum hätte? Selbstverständlich nichts. Dennoch versuchte ich, mich unbeholfen herauszureden und ärgerte mich später, dass ich mich nicht klarer positioniert habe. Ich faste. Was ist daran so eigenartig?

Tatsächlich gibt es viele gute (ökologische, ethische…) Gründe, auf Fleisch zu verzichten oder seinen Fleischkonsum möglichst einzuschränken. Das ist jedoch ein anderes Thema. Der eigentliche Grund unseres Fastens ist doch einerseits ein bewusster Verzicht auf etwas Alltägliches, uns Selbstverständliches und anderseits die Vorbereitung auf Karfreitag und Ostern. Fasten von Fleisch hat eine lange Tradition und ist kein Lifestyle-Entscheid.

Und übrigens…
Natürlich gab es auch dieses Jahr wieder ein Fleischzvieri in der Jungschar. Im Gegensatz zum letzten Jahr haben unsere zwei älteren Töchter jedoch dieses Jahr schon fast selbstverständlich darauf verzichtet, was wir ziemlich cool fanden.

Die Jüngste findet es nach wie vor etwas doof, aber wir haben ihr gesagt, dass es in Ordnung sei, wenn sie auswärts Fleisch isst. So kam sie eines Tages Freude strahlend nach Hause und erzählte, wie sie von einem Gspänli einen Bissen vom Schinkensandwich essen durfte.
Wir haben uns mit ihr gefreut.
Auch das gehört dazu: Alltägliches neu Wert schätzen. Und das wäre nicht geschehen, wenn eben nicht Fastenzeit wäre und wir uns als Familie nicht auf den Fleischverzicht geeinigt hätten.

Die Meinung der Autorin in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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10 Kommentare
  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 15:33 Uhr, 13. April

    Oje Frau Zimmermann, wo sind denn Sie zuhause? Und schade, dass Ihr ‚Fleischfasten‘, wie Sie den Verzicht auf Fleisch nennen nur ein „bewusster Verzicht auf etwas Alltägliches, uns Selbstverständliches“ ist. Gerade dass Fleischessen das bei Ihnen und in Ihrer Umgebung dies ist, sollte Ihnen zu dneken geben!

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    • Mirja Zimmermann-Oswald
      Gepostet um 16:30 Uhr, 15. April

      Liebe Frau Gisler, ich lebe an einem wunderbaren Ort im Emmental. Nur weil wir „auf dem Land“ (meistens wird das von Menschen aus städtischen Gebieten in einem bemitleidenden Ton ausgesprochen) leben, heisst das noch nicht, dass sich hier niemand Gedanken über Ökologie, Ethik etc. macht. Im Gegenteil. Hier kennt man das Fleisch noch, welches auf den Tisch kommt.
      Und wie geschrieben: es gibt es viele gute Gründen den Fleischkonsum in Massen zu halten (was wir in unserem Alltag auch ausserhalb der Fastenzeit tun und mit den Kindern bewusst thematisieren), aber das war in diesem Post eben gerade nicht das Thema.

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      • Esther Gisler Fischer
        Gepostet um 15:04 Uhr, 18. April

        Liebe Frau Zimmermann

        Offenbar habe ich nicht begriffen, was das Thema Ihres Post war; Offenbar nicht das sich bewusstmachen einer Problematik, nämlich des zu grossen Fleischkonsums in unserem Land, wofür Regenwälder abgeholzt werden, um darauf Soja für Kraftfutter anzubauen. Bei mir hat Verzichten in der Fastenzeit immer einen realen Hintergrund und ist nie etwas rein spirituelles. Sonst hat es für mich keinen Spitz!
        Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich widerständiges Auferstehungsfest!

        Freundlich grüsst Sie
        Esther Gisler Fischer.

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 06:16 Uhr, 17. April

      Ojeoje …. auch Frauen können offenbar so kommentieren, dass es einem wie Watschen um die Ohren fliegt 😖 Ich möchte mir nach dem vorhergehenden Austausch mit Stephan Jütte nicht vorwerfen lassen, dass ich sowas dann unkommentiert lasse. Wahrscheinlich muss ich mir einfach eine dickere Haut zulegen.

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      • Barbara Oberholzer
        Gepostet um 06:21 Uhr, 17. April

        Ich find den Beitrag von Mirja Zimmermann lebensnahe und lustig und hör gern was aus dem Emmental. Spätestens nach Abstimmungen merke ich jeweils, dass nicht alle so ticken wie ich Stadtzürcherin.

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      • Esther Gisler Fischer
        Gepostet um 15:05 Uhr, 18. April

        Ja ich glaub, das musst du!

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      • Esther Gisler Fischer
        Gepostet um 15:06 Uhr, 18. April

        Ist glaub gut, bin ich nicht mehr oft auf diesseits.ch: Weniger gegenseitiger Ärger!

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 11:17 Uhr, 14. April

    Stadt-Landgraben vom Denken her, würd ich vermuten – aber auch arm-reich. Im Bleniotal, traditionell einem der ärmsten Täler der Schweiz und auch heute nicht Ascona, ist es überhaupt kein Problem, Vegi zu kriegen.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 08:28 Uhr, 16. April

    Ich mag solche Berichte die mitten aus dem Leben erzählen wie dieser Beitrag! Mir scheint es manches Mal, da bin ich eine Exotin im Diesseits 😉 Ja nu. Die Frage, wo wohnt sie denn?! Wahrscheinlich nicht in einem Kokon unter Gleichgesinnten, sondern da wo die meisten leben, unter Menschen die ganz verschieden denken und fühlen und handeln… Es scheint mir grad so, was dort in dieser Gesellschaft geschehen ist, passiert hier grad noch einmal. Einfach von anderer Seite her. Wie Sie Frau Zimmermann erzählen, plötzlich gerät man in so „komisches Licht“, dabei ist ganz einfach Fastenzeit doch grad jetzt in diesem Kontext mit dieser Frage nach Vegigericht.. ? wird man zur Exotin oder Aussenstehende beim Erwähnen, dass man zur Zeit grad kein Fleisch isst. Erzählt man im Diesseits, dass man Fleisch ist, und dass dies ausserhalb der Fastenzeit selbstverständlich ist. (Und wie sie sagen, wie oft dies auf den Tisch kommt… ect. ist nicht grad Thema für diese Geschichte). Wieder Exotin. 😉
    Das Fasten hat für mich auch immer einen Gesundheitsfaktor, oder die Motivation dazu. Heisst, aus einer gewohnheitsmässigen Ernährungsweise ausbrechen, bestimmte Nahrungsmittel weglassen oder durch andere ersetzen, mit dem Ziel nach der Fastenzeit etwas davon in den Alltag mitzunehmen, beizubehalten. Fasten sind für mich meistens Schritte zu einer anderen Verhaltens- und oder Ernährungsweise anzugehen, diese in begrenzter Zeit einzuhalten. mich an das Neue anbahnen und ein Teil zur Gewohnheit werden lassen. Im Beitrag erlebt doch die Jüngste etwas davon, wenn sie so freudestrahlend einen Fleischbissen bekommen hat. Das Bewusstsein gegenüber Fleischverzehr oder worin sie gefastet hätten.. wächst durch solche Erlebnisse und Erfahrungen. Solche Begebenheiten sind doch die Farben des Lebens?! Für meinen Geschmack. Die kleinen bedeutenden, zum Schmunzeln, dieser Bericht mit allen seinen Ebenen und kleinen Farbtupfern, wie bunte Ostereier! 🙂

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    • Anita Ochsner
      Gepostet um 09:11 Uhr, 16. April

      Diese österliche Meditation wie es im Newsletter einer (sehr ländlichen) Kirchgemeinde heisst ;-), von Pierre Stutz, ist mir heute morgen zugekommen, möchte ich gerne hier anfügen. Weil wir ja eben in der Oster- / Karwoche sind, und mir scheint er passt grad so – Fasten ist ja auch ein Durchgehen…

      Durchgang
      vom Dunkel zum Licht
      vom Schmerz zur Heilung
      vom Tod zum Leben

      DICH
      erkennen als innerste Mitte
      die belebt und befreit
      zu einem erfüllten Leben mit Tiefgang

      DICH
      feiern als Auferstehungskraft
      die unser Rückgrat stärkt
      einzustehen für die Rechte aller Menschen
      aufzustehen für eine ökologische Achtsamkeit
      aufzubrechen für eine Kultur der Gastfreundschaft
      inne zu halten für die Kraft des Schweigens

      Durchgang
      verwundet sein und aufgehoben
      konfliktfähig und versöhnt
      unbequem und glücklich

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