Kirchgemeinden als sorgende Gemeinschaften

Schon seit einiger Zeit beschäftigt mich ein Interview, das Thomas Schaufelberger mit Prof. Dr. Andreas Heller geführt hat (nachzulesen im Magazin 3/2018 von Bildungkirche). Heller hat den Lehrstuhl für Palliative Care und Organisationsethik an der Universität Graz inne. Ausserdem ist er Mitbegründer der «Letze Hilfe»-Kurse, die auch in der Schweiz angeboten werden. Er ist überzeugt, dass die Menschen nur dann eine Zukunft haben, wenn es ihnen gelingt, eine Sorge-Kultur zu entwickeln. Kirchgemeinden seien von ihrem Verständnis her genuin sorgende Gemeinschaften. Und er rät Pfarrer*innen und Kirchgemeinden, „ein Projekt oder einen Impuls zu gestalten, der mit einem diakonischen Thema verknüpft ist: Wo sind bei uns die Menschen, die in Not sind? Welches Thema, das unserer Sorge bedarf, ist bei uns präsent?“

Wie könnte ein solches Projekt oder ein Impuls bei uns aussehen? Wo gibt es in unseren Gemeinden Nachbarschaftshilfeprojekte oder könnten wir solche unterstützen oder aufbauen zusammen mit nichtkirchlichen Partnern? Wie können wir Menschen in Kontakt bringen und Freiräume und Unterstützung bieten, wo Menschen sich engagieren wollen? In vielen Kirchgemeinden existieren Besuchsdienste. Da ist schon ein reicher Erfahrungsschatz vorhanden. Es geht nicht darum, für jede Zielgruppe noch ein neues Angebot zu entwickeln, sondern darum, Menschen zu ermutigen und zu unterstützen, die für andere da sein wollen und denen, die jemand brauchen, der sich um sie sorgt, Kontakt zu ermöglichen. Heller erzählt von einem Projekt in einer deutschen Stadt mit 90 000 Einwohnern. „Dort unterstützen wir Bürgerinnen und Bürger darin, Nachbarn zu sich einzuladen und sogenannte Sorgegespräche zu führen. Es ist unglaublich, was da passiert. Wir spüren einen riesigen Bedarf, Gespräche zu Themen zu führen, die innerlich und existentiell berühren, und Menschen zu finden, die Anteil nehmen und zuhören. Und es ist faszinierend, wie wenig es braucht, entlang dieser Sorge-Themen neue soziale Bezüge aufzubauen und die Initiative von Menschen zu fördern. Das sind sehr elementare Dinge und das könnte man in jeder Kirchgemeinde, in Vierteln und Quartieren organisieren. Wichtig in allem ist, die Sorge von den existentiellen Themen der Menschen her zu entwickeln und nicht von den Profis her, die immer schon zu wissen meinen, was die Menschen bedrückt und welche Lösungen für sie gut wären.“

Vielleicht sind es gar nicht so sehr die modernen und attraktiven Angebote, auf die es ankommt. Es ist wohl eher die Rückbesinnung auf den diakonischen Grundimpuls des Christentums – „caring communities“ zu sein, wo Menschen füreinander und für andere da sind. Es gibt ein menschliches Grundbedürfnis, Teil von etwas Wichtigem zu sein und sich mit anderen verbunden zu fühlen. Unsere Kirchgemeinden können diesem Grundbedürfnis Raum bieten. Wir müssen nicht für alle Menschen Angebote bereithalten oder gar Lösungen. Aber wir müssen Menschen ins Gespräch bringen, Raum für kreative Ideen bieten, nicht alles regulieren wollen und darauf vertrauen, dass Gottes Geist da wirkt, wo Menschen einander begegnen. Wie schön wäre es, wenn wir einander mit unseren Ideen bereichern könnten, wie Kirchen zu Sorge-Gemeinschaften werden können und einander mitteilen könnten, was gelungen ist und auf welche Hindernisse wir gestossen sind.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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9 Kommentare
  • Bernd Berger
    Gepostet um 06:47 Uhr, 15. Januar

    Nach Abgabe meines Beitrags habe ich festgestellt, dass die Ausgabe Dezember 2018 der Pastoraltheologie zum Thema „Demenzsensible Kirchgemeinden“ erschienen ist. Darin schreibt Ralph Kunz über ein interessantes Projekt „Pflegende Angehörige. Community Care als Gelegenheit für Kirchgemeinden“.

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  • Sergio Jost
    Gepostet um 07:16 Uhr, 15. Januar

    Das Spannende an diesem Beitrag finde ich die Assoziation zu den Basisgemeinden der südamerikanischen Bewegung der Befreiungstheologie. Auch dort waren es die Laien, die ermutigt und ermächtigt wurden, den Geist Gottes in die Quartiere zu tragen. Alte Idee in neuen Schläuchen. Klingt reformiert. Klingt gut.!

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 14:03 Uhr, 07. Februar

      Das Wort ‚Laie‘ finde ich im reformierten Kontext als unpassend. Vielleicht hat ein/ Nicht-Pfarrer_in bezüglich Gemeinswesenarbeit mehr auf dem Kasten als Vertreter_innen dieser Berufsgruppe!

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 14:25 Uhr, 07. Februar

      Der Vergleich mit den Basisgemeinden in Lateinamerika hinkt insofern, als dass diese immer auch sehr politisch waren und sind und gespeist aus einer widerständigen Re-Letüre des Evangeliums um Teilhabe an der Gesellschaft und deren Errungenschaften kämpfen. Da geht’s oft ums Eingemachte: Land, Gesundheit, Bildung.
      Meine Erfahrung ist, dass viele Menschen ganz gerne für sich alleine sind und nicht immer das Objekt von ‚Care‘ sein möchten.

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  • michael vogt
    Gepostet um 11:46 Uhr, 15. Januar

    dieses anliegen möchte ich in keiner weise reduzieren, aber in einer hinsicht begrenzen. ich möchte davor warnen, alle immer gleich als betreuungsbedürftig anzusehen. das ist, neben ihrer stärke, auch eine schwäche unserer religion: dieser immer etwa wieder zu stark durchkommende „diakonische grundimpuls“. was soll ich antworten auf die notorische frage: „wie geht es?“ lügen will ich nicht, aber von der fragenden person jetzt auch nicht gleich therapiert werden. wer bin ich, dass andere mir ihre probleme anvertrauen sollen? und zu den „existentiellen themen“: wenn ich meinen vater verliere, habe ich trotzdem einen, heute auch eine mutter. verliere ich aber meine partnerin oder meinen partner, gehe ich leer aus. haben sie etwas gemerkt? mir ist es jedenfalls so ergangen: im moment, wo am ende des beitrags das wort „gott“ steht, tritt eine verengung ein. „je enger, desto weiter“, sagt meister eckhart, aber meist auch vergeistigter. und ich lese, friedrich schleiermacher habe nicht von gott gesprochen, sondern von universum. solche lehrinhalte sind auch existentiell, entscheiden über erfolg und nicht-erfolg eines projekts, was für mich ein hinweis darauf ist, dass die kirche nicht aus sich selbst heraus sinnvoll wirken kann, sondern in verbindung mit andern erscheinungsformen des lebens. auch im gedanken, dass manchmal gerade dann etwas fehlt, wenn etwas nicht fehlt.

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  • Regula Stern
    Gepostet um 19:19 Uhr, 15. Januar

    Was heisst Menschen in Not in meiner näheren Umgebung? In einer Kirchgemeinde würde es bereits genügen, wenn „man“ merken würde, dass jemand plötzlich abtaucht, immer seltener und schlussendlich gar nicht mehr an den Gottesdiensten und regelmässigen Anlässen präsent ist. Gerade im Alter und/oder bei einer länger dauernden Krankheit kann es geschehen, dass das Ausgehen zu beschwerlich wird, für die kranke Person, aber auch für die betreuende Angehörige.
    Als Kirchgemeindemitglied oder erst recht als kirchlicher Profi rechtzeitig zu merken, dass jemand fehlt und dann gleich einmal nachfragen wie es geht oder ob vielleicht eine Hilfe nötig ist, wäre ein ganz wichtiges Zeichen für die Menschen, die krank sind und nicht mehr die Kraft haben, an Kirchgemeinde-Anlässen teilzunehmen.
    Aber ebenso wichtig wäre eine Anteilnahme, ein Nachfragen für die betreuende Person. Auch diese wird zunehmend isoliert und fällt aus dem Blickwinkel der anderen Kirchgemeindemitglieder, ja sogar der kirchlichen Profis!
    Wie sich das konkret anfühlt, habe ich eben erst in den vergangenen Monaten persönlich erlebt und zum Teil auch immer wieder daran gelitten. Zu spüren, dass offensichtlich gar niemand merkte, dass wir plötzlich nicht mehr mit dabei waren, war häufig sehr schmerzhaft.
    Sicher, ich hätte mich selber melden können, aber wenn man mit der Pflege eines Angehörigen voll in Anspruch genommen ist, 24 Stunden, sieben Tage die Woche, über Wochen, Monate und manchmal über Jahre, fehlt plötzlich die Kraft für eine so banale Eigeninitiative.
    Jetzt allein, werde ich es mir hinter die Ohren schreiben, hoffentlich rechtzeitig zu merken, wenn jemand plötzlich wegbleibt. Ob mir das immer gelingen wird, weiss auch ich nicht.
    Dabei bin ich mir sehr wohl bewusst, dass es in einem solchen Fall eine heikle Gratwanderung zwischen sozialer Kontrolle und zwischenmenschlicher Anteilnahme ist.
    Wie mit dieser Gratwanderung umzugehen ist, werde ich noch heraus finden müssen. Werden aber auch Kirchgemeinden und ihre Mitglieder, Laien und Profis, lernen müssen.
    Ob wir da vielleicht von gewissen Freikirchen lernen können, wie man mit plötzlich «abgetauchten» Menschen umgeht? Als Landeskirche fehlt uns wohl manchmal diese Sensibilität, meine ich, im Vergleich zu merken.
    PS: ich habe mir sehr lange überlegt, ob ich diesen Text so veröffentlichen soll oder ob er vielleicht als Gejammer empfunden werden könnte. Aber vielleicht hat jemand ähnliches erlebt und kann mir zustimmen oder mich allenfalls korrigieren. Ganz besonders interessieren mich Anregungen, wie diese Anteilnahme in einer Kirchgemeinde umgesetzt werden.

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    • Bernd Berger
      Gepostet um 21:15 Uhr, 15. Januar

      Liebe Frau Stern
      Danke, dass Sie diesen Kommentar veröffentlicht haben. Ein ganz wichtiger Aspekt! Aufmerksam sein und nachfragen, ohne zu bedrängen. Das ist oft schwierig und herausfordernd. Meine Erfahrung im Pfarramt: wir fragen eher zu wenig als zuviel nach – nicht nur aus Unachtsamkeit oder Bequemlichkeit, sondern oft aus Sorge, jemand zu bedrängen oder zu nahe zu treten. Wir verlieren dadurch Menschen aus dem Blick und diese Menschen haben das Gefühl, dass sie nicht wichtig sind.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 09:04 Uhr, 16. Januar

    Liebe Frau Stern
    Ihr Beitrag spricht mir aus der Seele. Als Spitalseelsorgerin höre ich solche Aussagen nicht selten: „So lange habe ich in der Kirchgemeinde …. und jetzt? Niemand erkundigt sich, ruft an, schickt ein Kärtli. Wie wenn ich nie da gewesen wäre.“ Bezüglich Caring Community denke ich auch an die – auch aus Kostengründen – immer mehr zunehmende Zahl ambulanter PatientInnen. Diese stellt die Spitalseelsorge vor grosse Herausforderungen. Ohne gute und enge Zusammenarbeit mit den Kirchgemeinden als Caring Communities sind die nicht zu bewältigen.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 14:01 Uhr, 07. Februar

    Schön und gut diese ‚Caring Communities‘. Doch kann es nicht sein, dass die Kirche einfach ‚pflästerlet‘, was politisch verbockt wird durhc immer mehr Sparen!

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