Kirchturmpolitik

War das der Höhepunkt der USR III-Propaganda, im wörtlichen Sinne, als eine Kirchgemeinde ein «Nein»-Plakat unten an ihren Kirchturm hängte? Sagt man dem «Kirchturm»-Politik, wenn Parolen an einen Kirchturm gehängt werden?

Kirchturmpolitik ist eine Politik, in der das eigene Anliegen, die eigenen persönlichen oder Gruppen-Interessen in den Mittelpunkt der Politik gestellt werden. Das steht in einem gewissen Widerspruch zum Sinn von Politik, die sich ja eigentlich um das ganze Zusammenleben der «Polis», der Stadt oder verallgemeinert des Gemeinwesens kümmern soll. Aufs konkrete Beispiel angewandt: Wenn es der Kirche in der Abstimmung zur Unternehmenssteuerreform vor allem darum ging, auf die künftig fehlenden Gelder hinzuweisen, so ist das im klassischen Sinn «Kirchturmpolitik». Sie schien zwar nötig, denn in der allgemeinen Diskussion (und in der Abstimmungsanalyse) wurden und werden die Kirchen als Betroffene dieser Reform ausgeblendet. Dass diese Gelder für die Allgemeinheit gebraucht werden, dass es bei der Abstimmung auch um gesamtgesellschaftliche und wirtschaftsethische Fragestellungen geht, stimmt zweifellos. Aber ich glaube nicht, dass das noch wahrgenommen wird, wenn eine Parole an einem Kirchturm hängt. Die Parole lenkt auf den eigenen Kirchturm hin und von der eigentlichen Thematik ab.

Neben der «Kirchturmpolitik» gibt es noch ein weiteres Bildwort, das in den Medien gerne verwendet wird: nämlich, dass «die Kirche im Dorf» bleibe. Auch hier wird die Kirche im Dorf, wie der Kirchturm, zu einem Symbol für eine Politik, die sich auf lokale Eigeninteressen ausrichtet und die grössere Perspektive vermissen lässt. Das kann zwar durchaus positiv gemeint sein. Es geht um Heimat, Verbundenheit mit einer Gemeinschaft, die trägt. Eine Kirche, die in der Mitte eines Dorfes steht, vielleicht sogar leicht erhöht, von einer Friedhofsmauer umgeben und vielleicht mit einem Wehrturm versehen, bietet Schutz und Geborgenheit. Von daher kommt auch die Vorstellung des «Kirchenasyls», das allerdings heute Fremden gewährt werden soll, also gerade nicht der Dorfgemeinschaft, die sich um die Kirche sammelt. Meistens wird unter einer Politik, die «die Kirche im Dorf» stehen lässt, eine eher rückwärts orientierte verstanden. Denn schon längst steht die Kirche nirgends mehr im Mittelpunkt des Dorfes, im ganz konkreten Sinn haben sich Dörfer, Quartiere und Städte anders entwickelt. Manche Kirchen stehen sogar ziemlich daneben, isoliert von den Passanten, nur mit einem gewissen Aufwand zu erreichen. Waren Sichtbarkeit und Schutz früher ein Vorteil, werden sie heute zum Nachteil, auch im übertragenen Sinn. Kirche steht in Distanz zu den Menschen, sogar das Glockengeläut stört manche eher, als dass es Heimat vermittelt. Der Kirchturm, der von weitem sicht- und hörbar ist, der die Zeit anzeigt und einen Tagesrhythmus angibt, der das Tageswerk beginnen lässt, aber auch Pausen und das Ende verkündigt, der der Gemeinschaft einen Dienst leistet, kann auch als Zwang oder Last empfunden werden. Man will sich nicht mehr nach einem externen Zeiger ausrichten, der dazu noch nach oben zeigt, gen Himmel.

Dagegen hilft gewiss nicht, dass sich die Kirche noch mehr um sich selber kümmert. Wenn Kirchgemeinden sich auf ihr «Kerngeschäft» konzentrieren wollen, wenn sie aus Sorge, ihre Position in der (scheinbaren) Mitte des Dorfes zu verlieren, sich abschotten, wenn sie aus Angst davor, schwächer zu werden, weil sie einer anderen Kirchgemeinde helfen, Zusammenarbeit nur spärlich pflegen oder gar Zusammenschlüsse verweigern, so führt das nicht in die Zukunft. Kirchen sollen den Menschen dienen, als Gebäude und als Gemeinschaft. Parolen am Kirchturm braucht es dafür nicht, aber ein glaubwürdiges solidarisches Verhalten, das in der kirchlichen Gemeinschaft beginnt, etwa bei den Mitarbeitenden, weiter geht zwischen den Gemeinden und in die Gemeinschaft mit Christen in aller Welt.

Die Zusatznutzung von Kirchtürmen als Handyantennen ist heute zum Glück nicht mehr im Gespräch. Denkmalpflegerische und religiöse Empfindungen sprechen zu sehr dagegen. Aber symbolisch wäre das eine schöne Form von Kirchturmpolitik: Die Kirchtürme verbinden die Menschen untereinander, sie verstärken ein Netzwerk, das trägt und mit der Welt verbindet, und zugleich jeden einzelnen Menschen persönlich erreichen kann.

 

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4 Kommentare
  • michael vogt
    Gepostet um 06:35h, 17 Februar Antworten

    ein netz, das trägt – opium, tabak, alk, fossile energie, kernspaltung: die menschheit hat die tendenz, in etwas hineinzulaufen. zur zeit ist es gerade die elektronik. finde ich. über ihre inhalte wird viel geredet, ich meine die elektronik als solche. mit ihren positiven und negativen effekten. und abhängigkeiten. darüber wird dann geredet, wenn es zu spät ist.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 10:41h, 17 Februar Antworten

    Wenn es beim krichlichen Nein zur USR III allein um die eigenen Pfründe gegangen wäre, hätte ich mich wohl nicht dafür eigesetzt. Die Kampagne habe ich jedoch als breiter verstanden; -im Sinne eines anwaltschaftlichen gesamtgesellschaftichen Engagements für eine solidarische Gesellschaft, in der die finanzellen Lasten gerechter verteil werden sollten. Mein ?Nein? jedenfalls war in diesem Sinne …

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  • Hans-Peter Geiser ZH Pfarrer, Dr. theol. M. Div.
    Gepostet um 11:25h, 17 Februar Antworten

    Seien wir doch ehrlich im Leben, einmal im Leben ehrlich, Michel Müller – ZH Kirchenratspräsident im Februar 2017 – „Reformationsjubiläum“.

    Sämtliche geschürten „sozialen Befürchtungen“ – selbst in ZH „Kirchturmpolitik mit einem „NEIN“ als Wahlkampfparole gegen mögliche ZH Steuerverluste im Rahmen einer CH Unternehmenssteuerreform USR III, wie bereits schon der gleichen kampagnenartig geschürten Angst um den Gesamtverlust sämtlicher juristischen Steuern im Kanton Zürich 2015 – hätten nur eines ausgelöst.

    Die notwendige und längst fällige landeskirchliche Diskussion um kaum mehr in dieser Welt des globalen Christseins vertretbare Zürcher Löhne und Pfründe.

    Vorbei wäre es gewesen, in Lohnkategorien von 120’000 – 220’000 (Pfarrschaft bis ZH Kirchenratspräsidium) kirchlich so zu tun, als ob nur mit bleibenden juristischen Unternehmenssteuern eine Kirche Jesu weiterhin „sozial“ – gerade in Zürich – bleiben könne. Vorbei wäre es gewesen, in mehrfach Millionen Bauliches immer wieder neu bis in alle Ewigkeit in meist leer gepredigten Gebäuden zu renovieren. In der Stadt Zürich allein jährlich x – Millionen. Vorbei wäre es aber auch gewesen, die Verlogenheiten weiterhin gesellschaftlich nach aussen zu portieren, als ob ein Zürcher Reformiertes Christsein im Sozialen allein von einer Zürcher juristischen Unternehmenssteuer auch in alle ZH CH Zukunft abhängig sei. 8 Millionen für einen Zwingli-Film im Kino – welche globale Kirche kann sich so was noch leisten ?

    Reformiert Genf lebt mit 30 – 50% weniger – 60’000 – 110’000 im Maximum – in CH tieferen Lohnstufen ein soziales Christsein genauso engagiert – ohne jegliche juristische Steuern – unternehmensreformiert USR III oder nicht. Zürich ist und bleibt auch weiterhin die reichste Regionalkirche dieser Welt, die problemlos via Lohnstufen und Bauliches jederzeit 30 – 50% Steuerverluste einsparen kann. Problemlos.

    Wir „jammern“ einer Gesellschaft – auch am Zürcher Kirchturm – den „ZH Verlust des Sozialen“ vor, dabei tut’s der eigenen Lohnabrechnung Ende Monat mehr weh.

    Das Soziale bleibt – unabhängig davon, ob mit einem ZH Kirchenratspräsidumslohn von über 220’000, oder nur der Hälfte im kirchlichen Maximum der Löhne wie in Genf. Mit oder ohne CH Unternehmenssteuerreform USR III. Im Kontrast war Reformiert Genf vor Jahren dazu fähig, anstatt kirchliche Arbeitslose und schlimmer noch sozial Austeuerte Genfer Pfarrer/innen zu produzieren, einen Sozialplan bei 50% Stellenreduktionen auszuarbeiten.

    Zürich jedoch produziert lieber als immer noch reichste Regionalkirche der Welt bewusst und unwidersprochen soziale Leichen unter den eigenen Leuten. Darin wirkt jegliche ZH öffentliche Kampagne am Zürcher „Kirchenturm“ zur „Besorgnis um den Verlust des gesellschaftlichen ZH Sozialen“ längst nur noch peinlich bis unerträglich. Weil verlogen.

    Seien wir endlich ehrlich, Michel Müller.

    Pfr. Hans-Peter Geiser Dr. theol. M. Div.
    Buchpublikation 2013 USA
    CH USA
    … Links …
    Theo-Global M 079 439 34 36
    nebst
    Urban Spirit – ein Kreativprojekt

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  • Andreas Schneiter
    Gepostet um 13:29h, 17 Februar Antworten

    Die Kirche soll im Dorf bleiben: Wenn ich die Stimmen rund um mich richtig verstehe, dann geht es wohl eher um das „Bodenpersonal“, welches nicht aus dem Dorf (oder: aus dem Quartier) abgezogen werden sollte. Bei allen Verhandlungen und Vereinbarungen zwischen Kirchgemeinden mit Blick auf KirchGemeindePlus wird dies m.E. ein zentraler Punkt sein.

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