Kritische Loyalität

Gibt es etwas Christliches? Ich meine, etwas, das Menschen christlichen Glaubens über politische und kulturelle Differenzen hinweg verbindet? Ein Evangelium, das mehr ist als eine Chiffre für die Leerstelle, an der einst fromme Praxis, Gebet und Gemeinschaft stand? Falls es das gibt, ist es sehr weitmaschig. Es verfängt mehr schlecht als recht. Und vielleicht ist es, wie ein mürbes, zerrissenes Fischernetz: Mehr Loch als Struktur. Eine Ahnung, von dem, was es nicht gibt.

Schadenfreude

Natürlich, es gibt sie, die altkirchlichen Bekenntnisse, hinter welche sich alle Christinnen und Christen aller Kirchen stellen. Aber wer „Gott der Vater“ ist und was es bedeutet, dass Jesus kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten, darüber gehen christliche Vorstellungen dann doch weit auseinander. Es gibt Kirchen, die in der reformierten Kirche zu der ich gehöre, „nur“ eine kirchenähnliche Gemeinschaft erkennen. Und in meiner Kirche arbeiten Menschen, die sich freuen, wenn das ICF am Pranger steht oder die römisch-katholische Kirche sich durch Misogynie und Homophobie – bei gleichzeitigem Kindsmissbrauch – selbst abschiesst.

Weitgehend einig

Abgesehen von ein paar amerikanischen fundamentalistischen Spinnern sind wir uns bei Themen wie „Bewahrung der Schöpfung“ oder „Menschenrechten“ weitgehend einig. Gerechtigkeit finden auch viele gut. Oder weniger Armut. Weniger Sexismus. Mehr Partizipation, Demokratie und Freiheit. Diese Themen und die damit verbundenen Werte haben sehr viel mit dem Christentum zu tun. Teilweise wurden sie durch das christliche Menschen- und Weltbild befördert. Teilweise wurden sie gegen das christliche Ordnungsdenken errungen. In unserer Welt sind sie Mainstream. So wichtig, dass alle sich um sie bemühen, sie schützen und bewachen. Wenn der Kern christlichen Glaubens und Handelns in der Bewahrung der Schöpfung und den Menschenrechten liegt, dann unterscheidet es sich kaum vom Mainstream sozial-liberalen Denkens. Nur dass der in der Religion bestenfalls eine Leiter sieht, die er auf dem Plateau des liberalen Humanismus nicht mehr benötigt.

Unrecht, nicht Offenbarung

Engagement für Menschenrechte und Umwelt benötigen keine Offenbarung oder religiöse Schriften. Kein Gott musste die Menschenrechte diktieren und zum Klimastreik aufrufen. Die Menschenrechte haben wir einem kulturellen Lernprozess abgerungen und stehen dabei weniger auf den Schultern derer, die gross vom Menschen gedacht haben, als auf den Leichenhaufen derer, denen diese Rechte nicht zuteil geworden sind. Und es ist nicht die Stimme Gottes, die uns Menschen in Genesis beauftragt, den Garten zu pflegen, sondern es sind die Folgen der Klimaerwärmung die der vorwurfsvolle Gesichtsausdruck Gretas prophetisch abbildet, die uns umdenken lassen. Wir lernen durch Unrecht, nicht durch Offenbarung. Besonders gilt dies für die Religionsfreiheit.

Verbinden oder trennen?

Die Frage, ob es etwas Christliches gibt, klingt naiv oder rhetorisch. Wenn man damit aber etwas anderes meint, als einen kulturellen Einfluss auf die Geschichte beispielsweise westeuropäischer und nordamerikanischer Regionen, ist die affirmative Antwort gar nicht so naheliegend. Verbindet mich „Christus“, „das Christliche“, „das Evangelium“, „die Taufe“ oder „das Abendmahl“ mehr mit Christinnen und Christen dieser Welt, als mich ihre Homophobie, ihr Schriftfundamentalismus, ihre Stillosigkeit, ihre Andersheit gerade aus ihrem Glauben (!) von ihnen trennt? Bin ich der atheistischen Humanistin nicht näher, als dem Prosperity-Gospel-Prediger? Als dem misogynen Kardinal? Dem Quartierverein verbundener, als der Kirchgemeinde, die zwei Generationen über mir stattfindet?

Hoffen

Was bedeutet das aber für ein Christentum, das angetreten ist, in Christus jeden Unterschied aufzuheben und im Glauben an den Vater im Himmel die Menschen zu vereinen? Christinnen und Christen müssen – wenn sie empfinden wie ich – feststellen, dass die Symbole, Rituale, Namen und Sakramente diese Aufhebung nicht aus sich heraus herstellen. „Christus“, „das Evangelium“ oder „das Abendmahl“ kommen von dieser Egalität und Einheit her, sie machen sie nicht. Für mich sind sie Warnschilder geworden, nicht zu vergessen, dass ich gerade mit denen, an denen ich in meiner Welt und meinem Glauben an Grenzen stosse, noch eine Geschichte vor mir habe. Ich werde mich von ihnen nicht eingemeinden lassen und ziemlich sicher würden sie das auch nicht wollen. Aber wenn wir schon nicht miteinander rechnen können, gelingt es uns vielleicht doch – wenigstens ab und zu und mit genügend Distanz -, dass wir füreinander hoffen.

Als junge Studenten haben wir Dietrich Ritschl, den damals 80-jährigen Theologieprofessor, gefragt, was man denn da tun könne. Nur zu hoffen, schien uns wenig. Er dachte kurz nach: „Bleiben Sie kritisch. Seien Sie loyal. Ohne Kritik, wird es nicht besser. Aber ohne Loyalität gibt es nichts, was besser werden kann. Wir schulden uns kritische Loyalität.“

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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18 Kommentare
  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 08:06 Uhr, 23. September

    Das Christliche gibt es nicht. Aber unvergesslich den, welchen die Kirche als den Christus bekennt und der als der Jeschuah ben Josef we Mirjam die Verbindlichkeit mit den Menschen vor Gott so lebte, dass jede Gesetzlichkeit einseitigen Bekennens fragwürdig geworden ist, Und dies mit dem Gewinn, dass der Himmel allen offensteht. Selbst denen, welchen wir das von uns aus absprechen möchten.
    Stefan, herzlichen Dank für deinen fundierten Gedankenanstoss zum Auftakt der neuen Arbeitswoche.

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  • michael vogt
    Gepostet um 08:59 Uhr, 23. September

    da liegt es nun, das buch, das abgeholt werden kann. der titel ist mir etwas peinlich. darum sage ich zu der sympathischen frau, die mich bedient: „der titel hat etwas vereinnahmendes: es ist nämlich nicht gesagt, dass etwas fehlt, wenn gott fehlt. meinen beitrag“, fahre ich fort, „habe ich absichtlich zu spät eingesandt“, wir lachen, „konnte nicht so lange im voraus wissen, was ich, im fall, wo publizieren will.“ unrecht hebt unrecht nicht auf. ich glaube schon, dass seine wandlung in recht aufgrund von offenbarung geschieht. das muss nicht immer das pathos „offenbarung“ oder „stimme gottes“ sein. den buchtitel, das thema des wettbewerbs, empfinde ich als unrecht. den zitierten satz mit der vereinnahmung ist etwas, was bei mir ankommt, das dann auch die peinliche situation behebt. sie behebt sich nicht selbst. auch ein gesichtsausdruck bildet nicht nur ab, sondern reagiert auch. der lernprozess ist der anthropologische aspekt eines umfassenderen, zu dem auch das unrecht als bestandteil gehört. kurz bevor der bus an der endstation ankommt, lege ich das buch mit dem siegerbeitrag kopfschüttelnd weg. würde sich der autor jetzt gleich zu mir gesellen, könnte es etwas peinlich werden. meine enttäuschung zum ausdruck zu bringen, könnte leicht als neid gedeutet werden. wie ich zuhause angekommen meine sachen verräume, plötzlich: „wer unter euch der grösste sein will, sei euer diener.“ und die konsequnz daraus: „die stärke des grossen besteht darin, dass das kleine daraus hervorgeht.“ jetzt kann er kommen, der sieger! denn jetzt kann ich mich sozusagen produktiv auf seinen essay „der kleine gott“ beziehen. warum? aufgrund von offenbarung, die sich auch durch ein anderes wort als „offenbarung“ offenbaren kann. durch ein ankommendes, das nicht zuletzt durch den essay bei mir angekommen ist, der es aber nicht ausmacht. „hier ist mehr als“ unrecht. christ*innen sind dadurch verbunden, dass sie, bevor sie antworten, mal fragen, was sich von christus her dazu ergibt, den sie mitunter lieber jesus nennen – wie immer sie ihn und die auf ihn bezogene schrift und tradition verstehen. und dieses verstehen geschieht aufgrund von offenbarung – und insofern aufgrund von unrecht, als der sich offenbarende inhalt sich auf das unrecht bezieht und darum, recht verstanden, davon mitgeprägt ist – ob nun recht und unrecht denselben ursprung haben oder nicht.

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  • Alpöhi
    Gepostet um 10:11 Uhr, 23. September

    >> Gibt es etwas Christliches? …Ein Evangelium, das mehr ist als eine Chiffre für die Leerstelle, an der einst fromme Praxis, Gebet und Gemeinschaft stand?

    Fromme Praxis, Gebet und Gemeinschaft IST „das Christliche“.
    Einfacher gesagt: Miteinander Gottesdienst feiern. Miteinander geistliche Lieder singen.
    Ohne das geht es nicht. Ohne das bleibt nichts „Christliches“ übrig, nur noch Humanismus.
    Humanismus ist nichts Schlechtes, aber halt nichts spezifisch Christliches.

    >> Verbindet mich „Christus“, „das Christliche“, … mehr mit Christinnen und Christen dieser Welt, als mich ihre Homophobie, ihr Schriftfundamentalismus, ihre Stillosigkeit, ihre Andersheit gerade aus ihrem Glauben (!) von ihnen trennt?

    Daran müssen wir arbeiten. Immer wieder. Jesus lädt uns ein, ihm nachzufolgen. Genau hier.
    Und: Scheitern ist erlaubt. Wir sind hier unten erst im „hölzernen Himmel“.

    >> ein Christentum, das angetreten ist, in Christus jeden Unterschied aufzuheben

    Es gibt kein Christentum. Es gibt nur Christinnen und Christen. Menschen, die dem Jesus von Nazareth nachfolgen.
    „Das Christentum“ ist nur eine Seifenblase.

    >> Symbole, Rituale… Für mich sind sie Warnschilder geworden, nicht zu vergessen, dass ich gerade mit denen, an denen ich in meiner Welt und meinem Glauben an Grenzen stosse, noch eine Geschichte vor mir habe.

    Ja! Das ist ein guter Weg, am Verbindenden zu arbeiten (s.o.).

    Herzlich,
    Alpöhi

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    • michael vogt
      Gepostet um 13:05 Uhr, 23. September

      christus war vielleicht schon immer der meinung oder ist es jedenfalls meiner meinung nach schon lange, dass er nicht der einzige ist, durch den sich die vereinigung von wahrheit und liebe offenbart – wann, wo und wie sie will, ohne die geringste voraussetzung unsererseits, das verbindende, die unterscheidung von person und werk oder glauben, die gegenseitige anerkennung trotz unter umständen gegensätzlicher überzeugung, die gerade so mögliche auseinandersetzung. . .

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      • Alpöhi
        Gepostet um 13:51 Uhr, 23. September

        Der „Christus“ ist Grieche. Er wurde durch die Kirchenväter griechisch inkulturiert.

        Jeschua ben Josef aber war Jude. Er lebte und predigte inmitten seiner Mitjuden. Er war bestimmt nicht der Meinung, dass man mit östlich-estoerischem Brimborium (heutzutage noch gut gewürzt mit Kommerz) „besser“ in G’ttes Gegenwart kommen könne als mit dem riesigen Schatz der jüdischen Tradition. („Tradition“ ist nicht das treffendste Wort aber mir fällt gerade kein bessere ein.

        Ommm… Ommm…)

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        • michael vogt
          Gepostet um 17:49 Uhr, 23. September

          christus ist doch der gesalbte, der messias, der zum könig der juden gesalbte, sein todesurteil: der römische kaiser, der sich selbst als dieser könig verstand, hätte reagieren können. darum die initiative der jüdischen obrigkeit, jesus zu beseitigen. „die menschenrechte haben wir einem kulturellen lernprozess abgerungen und stehen dabei weniger auf den schultern derer, die gross vom menschen gedacht haben, als auf den leichenhaufen derer, denen diese rechte nicht zuteil geworden sind. und es ist nicht die stimme gottes. . .wir lernen durch unrecht, nicht durch offenbarung.“ der zu exkutierende selbst wurde von gott verlassen, da war keine stimme, keine antwort mehr. „es gibt nur eines“ hing er am kreuz. und gerade das ist – unvollkommen erkannt, wie paulus selbst sagt – die auferweckung durch den vater. der langjährige perspektiven-moderatur lorenz marti wurde eben seinerseits (auf der andern seite) in dieser sendung auf srf 2 interviewt. das wort gott komme bei ihm selten vor: „wenn ich gott sage, dann weiss ich ziemlich sicher, was in Ihnen passiert: Sie sehen eine himmlische person.“ „es ist mir in meiner biografie, auch als kind nicht, noch nie in den sinn gekommen, da ein bild vor mir zu sehen.“ meine antwort. wann habe ich das wort vater verstanden? wenn ich nicht ein bild sehe, sondern die die sterne erleuchtende und von ihnen wiederum erleuchtete nacht. und dies auf eine durch das wort vater bestimmte weise. entsprechendes für das wort gott.“ ist das aber nicht die schöpfung? eines. kein zweites. als ursprung einer menschlichen person vergleichbar, die etwas schafft, als entsprungenes ihrer schöpfung. kann gott genannt werden, aber auch schöpfung. man sieht beidemal dasselbe. in dieser geschichte und in dieser nicht-zweiheit ist der gegensatz von leichenhaufen und stimme gottes in sich zusammengefallen.

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  • Anonymous
    Gepostet um 12:11 Uhr, 23. September

    Kompliment an Stefan Rütti, !

    Intellektuelle Reflexion statt sich in Worthülsen suhlen: Das wäre meine Kirche!
    Ganz im Sinne der früheren PR-Kampagne: «Selber denken. Die Reformierten.»

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    • michael vogt
      Gepostet um 18:20 Uhr, 23. September

      lange habe ich mich gefragt, wer wohl stefan rütti sei, und mit der suchmaschine gesucht – bis zum plötzlichen, alldurchdringenden aha-erlebnis. 🙂 das verborgene kam zum vorschein. im prinzip einverstanden. aber bleibt die argumentation nicht beim komma stehen? auf diese frage bringt mich das zitat (erster abschnitt): „eine ahnung, von dem, was es nicht gibt“ – auch wenn es sich nicht um einen tippfehler handelt. 😉

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  • Was verbindet uns Christen eigentlich? | Jesus.de
    Gepostet um 12:38 Uhr, 23. September

    […] Weiterlesen im Blog > Diesseits […]

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  • Alpöhi
    Gepostet um 10:44 Uhr, 29. September

    Ich mache einen neuen Versuch.

    Reformiert wird eine reformierte Person i.d.R. durch Geburt, ebenso wie eine jüdische Person i.d.R. durch Geburt jüdisch wird. Religionszugehörigkeit ist also etwas, das i.d.R. „vererbt“ wird.

    Christ wird man, indem man dem Jesus von Nazareth nahfolgt. Das sehe ich beim Lesen des Neuen Testaments.
    Wie „Nachfolge“ geht, sehe ich ansatzweise ebenfalls im Neuen Testament: Es ist ein fortdauerndes Ringen, was nun in einer konkreten Situation das „theologisch veranteortete Handeln“ sei.

    Nun gibt es Reformierte, die nicht „Christ“ sind. Die nicht in der Nachfolge sind. Es genügt ihnen, reformiert zu sein, und/oder sie können mit „Nachfolge“ nichts anfangen.

    Dass hier eine Leerstelle entsteht, scheint mir folgerichtig. Und dass diese Leerstelle schmerzlich sein kann, ebenso.

    Wie sollen wir diese Leerstelle füllen, wenn nicht mit Christus? Wenn ich nichts „spüre“, kann ich (wie Luther) nicht anders als mich einfach an den Rockzipfel dieses Jesus zu hängen und darauf vertrauen, dass er mir gnädig ist. Die alttestamentlichen Propheten bestärken mich darin.

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    • michael vogt
      Gepostet um 13:11 Uhr, 29. September

      man wird beides durch geburt, und beides nicht durch geburt. vielleicht ja auch durch wiedergeburt. in der meinung, jesus habe nur seine jünger in die nachfolge gerufen. eine andere geschichte als die mit dem rockzipfel.

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  • Etienne Engel
    Gepostet um 18:55 Uhr, 24. Oktober

    Ich wüsste nicht das Greta bereits ein Gratmesser für Christliche Gemeinschaften ist. Zumindest nicht laut meiner Bibel. Zumindest was die Co2 Theorie (Nicht den Wandel) angeht bin ich zugegeben skeptisch

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