Leben heisst teilen

Zum Europäischen Organspendetag

Manchmal möchte ich von mir grösser denken als ich bin. Ich würde gerne auf billige Kurzstreckenflüge, industriell hergestellte Nahrungsmittel und unfair produzierte Klamotten verzichten. Wirklich. Dass mir das nicht besser gelingt, erkläre ich mir immer damit, dass die Folgen meines Verhaltens jetzt noch nicht spürbar, der Genuss und die damit verbundene Bequemlichkeit hingegen direkt erlebbar sind. Klimaerwärmung ist übermorgen, in Berlin komme ich jetzt an. Das ist zwar ethisch sehr fragwürdig, aber immerhin rational. Wenigstens zweckrational. Kurzfristig.

Auch wer nicht entscheidet, hat entschieden

Schwieriger finde ich da schon meine Unentschlossenheit gegenüber der Organspende. Denn wer – wie ich – keine Spenderkarte besitzt, hat bereits entschieden: Die Angehörigen müssen entscheiden. Und diese Entscheidung treffen sie angesichts meines Todes. Also wahrscheinlich aufgewühlt, gestresst und traurig. Trotzdem habe ich mich bis jetzt nicht dazu durchgerungen, für klare Verhältnisse zu sorgen. Während ich weiss, dass ich nach Berlin besser den Zug nehmen, keine Jeans aus Bangladesch kaufen und unsere Nahrungsmittel besser am Wochenmarkt einkaufen sollte – also jedes Mal hinter meinen eigenen Ansprüchen zurück bleibe – weiss ich punkto Organspende nicht, was ich will.

Ungestört sterben

Wenn ich an Bekannte und Freunde denke, die dank einer Organtransplantation überhaupt noch am Leben sind oder deren Lebensqualität sich wunderbar verbessert hat, scheint die Sache klar zu sein. Andererseits will ich jetzt, gesund und glücklich, gar nicht darüber nachdenken, Organspender oder Empfänger zu sein. Wenn ich aber doch an mein eigenes Sterben denke – diesen intimen Prozess, indem sich alle Bindungen zwischen mir und der Welt, mir und meiner Familie, meinen Freunden, meinen Projekten und Plänen lösen werden -, dann will ich diese letzte Erfahrung ganz für mich haben. Ungestört. Und ungestört sollen auch meine letzten BegleiterInnen dabei sein.

Wo liegt meine Grenze?

Vielleicht weil ich selbst merke, dass das egoistisch klingt, sage ich dann Dinge wie: „Sollten wir nicht eher lernen, den Tod anzunehmen? Der Kampf gegen den Tod ist ja nicht zu gewinnen. Wir verschieben nur immer das unabwendbare Ende weiter hinaus.“

Aber stimmt das wirklich? War ich nicht unendlich glücklich über die heilende Operation an einem geliebten Menschen, die ihren Krebs besiegt und ihr und uns viele Jahre geschenkt hat? Würde ich nicht alles dafür tun, dass meine Kinder überleben? Vielleicht auch, dass ich selbst überlebe? Wo liegt meine Grenze? Und wer sollte den Lebenswillen des Menschen begrenzen und beschwichtigen wollen? Und würde ich selber mich tatsächlich meinem (abwendbaren, vielleicht abwendbaren!) Schicksal fügen? Und selbst wenn: Hat das auch für andere zu gelten? 1480 Menschen standen 2016 auf der Warteliste. 1480 Menschen, die hoffen und bangen. Und mit ihnen ein ganzes Umfeld. Kinder, Partner und Partnerinnen, Eltern, Freundinnen und Freunde.

Wir sind nicht gefangen

Sicher, wir Menschen sind mehr als eine blind selbsterhaltende Lebensmacht. Wir können unter Umständen unser Leben für ein höheres Ziel sogar mindern oder aufgeben. Wir können ein Verhältnis zum eigenen Sterben und dem eigenen Ende finden. Und manchmal auch zum Sterben und zum Ende unserer Nächsten. Und wir sind nicht gefangen in dem, was wir spüren, was uns ängstigt oder was wir noch nicht wissen.

Von sich „gross denken“ heisst in diesem Fall vielleicht schlicht, dass man entscheidet. Ja oder Nein, in aller Unsicherheit. Damit übernimmt man Verantwortung: Nicht für die 1480 Menschen auf der Warteliste. Aber für die, die sonst stellvertretend entscheiden müssen. Und damit für sich selbst. Denn die Freiheit seiner eigenen Entscheidung kann man nicht teilen, ohne andere damit unfrei zu machen.

Zum Weiterdenken, mitdiskutieren und entscheiden: https://hirschli.net/events/event/salon-um-sechs

 

Links zum Thema:

Weiterer Blogbeitrag zur Organspende
«Zum europäischen Tag der Organspende: Fortsetzung» von Barbara Oberholzer

Gespräch und Diskussion mit Christina Hiltbrunner von Swisstransplant am Dienstag, 19. September ab 18 Uhr im Rahmen vom „Salon um Sechs“ im Hirschli, Hirschengraben 7, 8001 Zürich
https://hirschli.net/events/event/salon-um-sechs

Alle Informationen rund um die Organspende bei Swisstransplant (die Organspende-Karte als pdf, per Post oder fürs Smartphone kann man sich auch bestellen):
https://www.swisstransplant.org/de/

Webauftritt des Bundesamtes für Gesundheit zur Organspende Kampagne „Rede über Organspende“
https://www.leben-ist-teilen.ch

Zum Europäischen Organspendetag vom 9. September:
https://www.eodd2017.org/de

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37 Kommentare
  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 07:03h, 08 September Antworten

    Lieber Stephan, ich kann deine Überlegungen sehrsehrsehr gut nachvollziehen. Vor allem das Opfer an Abschiednehmen in Ruhe und Dabeisein bis zum Schluss, das die Angehörigen erbringen, wird kaum je erwähnt. Dennoch bin ich Spenderin – meine Familie könnte sich vllt damit trösten, dass dies wirklich mein Wunsch war. Ich bin tot, ich brauchs nicht mehr, andere aber schon – im Falle der Lungentpl häufig noch ganz junge Menschen. Super auf jeden Fall, dass du an den europäischen Organspendetag gedacht hast!

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  • Anke Ramöller
    Gepostet um 08:12h, 08 September Antworten

    Lieber Stephan! Ja, ungestört sterben. Und ungestört bei einem Menschen sein können, der dabei ist, sich zu lösen. Ihn noch im Arm halten, wenn er sich schon verabschiedet hat. Das ist ein Bild, das ich im Kopf habe und das es mir sehr schwer macht, mich für einen Organspendeausweis zu entscheiden. Ich habe meinem Mann gesagt, er solle keinen haben. Ich wolle das nicht. Er respektiert es, obwohl er anderer Meinung über Organspende als ich ist.
    Egoismus, finde ich, ist eine unzutreffende Kategorie für diese Unsicherheit. Ich habe bisher noch kein ernstzunehmendes Gespräch darüber erlebt, das mit dieser Frage auch unter existentiellen Gesichtspunkten umgeht. Machbarkeit, Medizintechnik, der ethische Anspruch, mit den letzten körperlichen Resten auch noch für andere da zu sein, das sind die Themen, nicht aber die Frage, ob der Tod und der Umgang mit ihm nicht eine grössere Würde fordert. Können Mediziner mir einen Ausweg aus diesem Dilemma zeigen? Können sie mir zusichern, dass die Ruhe des Übergangs, was auch immer dabei existentiell geschieht, nicht torpediert wird von einem Organspende-Aktionismus? Wenn ja, könnte ich anfangen, anders darüber nachzudenken.

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 08:23h, 08 September Antworten

    Lieber Stephan, super, dass du an den europ. Organspendetag gedacht hast! Ich kann deine Überlegungen sehrsehrsehr gut nachvollziehen. Vor allem das Opfer, das die Angehörigen bringen – Abschiednehmen in Ruhe, Dabeisein bis zum letzten Atemzug – wird kaum je erwähnt. Dennoch bin ich Organspenderin. Meine Familie könnte sich vllt damit trösten, dass es wirklich mein Wunsch war. Ich bin tot, ich brauchs nicht mehr. Andere aber dringend. Und zB von der Lungentpl sind oft ganz junge Menschen betroffen. Sie sollen leben dürfen!

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    • Anke Ramöller
      Gepostet um 08:48h, 08 September Antworten

      Liebe Barbara! Ich frage mich, ob man solche Entscheidungen treffen kann, ohne die Familie mit einzubeziehen? Ist es gleichgültig, was meine engsten Familienangehörigen denken oder fühlen? Aus den Dilemmata kommt man nicht heraus. Das ist mir bewusst.

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      • Barbara Oberholzer
        Gepostet um 12:05h, 08 September Antworten

        Liebe Anke, na klar, wir sprechen in der Familie immer wieder mal drüber, auch wegen meiner Arbeit. Meine Kinder würden ihre Organe ebenfalls spenden, mein Mann will vom ganzen Themenkomplex Sterben/Tod/Organspende möglichst nichts hören, was sein gutes Recht ist. Das Wissen, dass wenigstens die Organe des verstorbenen Angehörigen andern das Leben rettet, kann auch etwas sehr Tröstliches haben. Und an unsern Gedenktagen im USZ liegen regelmässig Steine in der Kirche mit der Aufschrift „Meinem unbekannten Spender“.
        Für mich gilt das Prinzip Hoffnung 🦋.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 09:02h, 08 September Antworten

    Ich hab nach wie vor Mühe damit, nach meinem Ableben als menschlcihes Ersatzteillager herhalten zu sollen.

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  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 09:14h, 08 September Antworten

    Wenn Entscheiden schwierig wird, ist die Frage berechtigt: muss ich das wirklich – entscheiden? Bin ich ein Feigling, wenn ich es nicht tue? Oder darf ich auch das eine oder andere offen und damit anderen überlassen? Ich habe nicht entschieden, auf diese Welt zu kommen, „ich wurde nicht gefragt“. Muss ich auf alle anderen Fragen eine schlüssige Antwort haben?

    Die Frage in diesem Zusammenhang ist ganz konkret auch: Wem gehört mein Körper? Mir? Und wie ist das nach dem Tod? (Hirntod … das Organ sollte ja noch warm durchblutet sein, wenn es zu Spendezwecken entnommen wird.) Ist das so schlimm, wenn nach meinem Tod andere entscheiden? Vielleicht auch schon vorher, weil ich schon vor dem Tod nicht mehr urteilsfähig bin? Muss ich – wie das viele auch in Erbangelegenheiten meinen – wirklich alles vorentscheiden? Kann ich nicht auch im Vorsorgeauftrag andere ermächtigen, dann für mich und über mich zu entscheiden, wenn Entscheide anstehen. Sie sind dann auch frei, diesen Entscheid von sich zu weisen.
    Wäre das nicht auch eine Theologie der Hingabe.

    Das stellt auch eine Frage an mich: Möchte ich selber eine Organspende, wenn mein Leben gefährdet ist, weil ein lebenswichtiges Organ meines Körpers seinen Dienst versagt und ich ohne Spende sterben müsste. Ich bin auch hier nicht so sicher. Ich kann mir beides vorstellen, Je älter ich werde auch dass es gut sein kann, wenn ich gehe.
    Aber vielleicht sehen das ja meine Liebsten wiederum anders. Ich möchte mit dieser hier geäusserten Haltung das Gespräch über dieses schwierige Thema keineswegs abbrechen, im Gegenteil. Ich möchte es in Gang halten, dass nicht zwingend eine von mir gemachte Entscheidung das Endresultat sein muss.

    Wie komme ich zu dieser offenen Haltung?
    Ich bin beruflich Menschen begegnet, die froh waren ein Organ gespendet zu bekommen, bis sie es (endlich) bekommen hatten und dann war es ganz anders. Ich konnte mich in das Unglück der Patientin hineinversetzen, an die ich jetzt gerade denke. Das gespendete Organ blieb ihr ein Fremdkörper. Die dritte Niere ventral eingepflanzt, blieb ihr fremd. Das ist mehr als die Beschreibung von anfänglichen Abstossreaktionen ihres Körpers. Auch seelisch wurde ihr das fremde Organ eine Belastung. Die anfängliche Freude verlor sich.
    Ich kenne aber auch Patienten die froh sind, das Leben nocheinmal geschenkt bekommen zu haben, dank eines gespendeten Fremdorgans.

    Ich plädiere für situative, spontane Entscheide. Analog dem Gleichnis: Wie begegne ich dem unter die Räuber gefallenen Verletzten, wenn ich vor ihm stehe, was gebe ich ihm, wie lagere ich ihn, Was braucht er von mir, wenn ich weiter muss. Momentanentscheid statt Grundsatzentscheid. Herzensentscheid situativ. Aber auch das soll nicht ein zum starren Gesetz werden.

    Übrigens: Was weiss ich, ob meine Organe, wenn ich diesseitig für tot erklärt werde, noch zur Spende taugen, trotz Spenderausweis.
    Ich möchte keinen Spenderausweis, aber ich schreibe in den Vorsorgeauftrag wer für mich entscheiden soll und dass ich offen für alles bin, wenn ich von dieser Welt gehe. Ja das hat auch eine hoffnungsvolle theologische Perspektive. So bin ich auch offen für jede Art von Entscheid, die meine Anfgehörigen treffen. Auch nicht zu entscheidenhat darin Platz.

    Ich weiss, würden sich alle dieser Haltung anschliessen, wäre der Markt der Organspenden weit weniger berechenbar. Ist das so schlimm?

    dr tod wachst dür is düre
    und einisch chunnt er füre
    und bruucht is nüm
    isch das so schlimm?

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 14:57h, 08 September Antworten

      Von wem ist das Gedicht am Schluss deines Kommentars Thomas?

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      • Anonymous
        Gepostet um 15:46h, 08 September Antworten

        Kurt Marti glaub

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        • Esther Gisler Fischer
          Gepostet um 17:03h, 11 September Antworten

          Ok, danke. Gefällt mir!

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    • Anonymous
      Gepostet um 13:50h, 14 September Antworten

      Dass wir als Menschen endlich sind ist wohl die grösste Kränkung, mit der wir leben müssen …

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  • Claudia Mehl
    Gepostet um 09:25h, 08 September Antworten

    Lieber Herr Jütte, ihr blog spricht mir aus dem Herzen. Erst vor einigen Tagen hatte ich ein Gespräch mit einem befreundeten Chirurgen über dieses Thema. Ich teile die Meinung mit Frau Ramöller, dass Egoismus eine unzutreffende Kategorie für die Unsicherheit bei einer solch intimen und sensiblen Entscheidung ist, wenngleich ich Ihre Bedenken, Herr Jütte, verstehe und auch teile.

    In der Schweiz gilt ja die sogenannte Zustimmungslösung, d.h. einem Verstorbenen dürfen nur Organe entnommen werden, wenn dieser der Organspende zu Lebzeiten schon zugestimmt hat (bei der erweiterten Zustimmungslösung dürfen auch Angehörige mitentscheiden). In Österreich gilt dagegen die Widerspruchslösung. Diese sieht vor, dass einem Toten Organe entnommen werden dürfen, wenn der Verstorbene dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat, Damit wird den Angehörigen die schwere Entscheidung abgenommen. Offenbar ist auch die Organspenderate höher als in Deutschland und der Schweiz.

    Nun möchte ich aber noch kurz auf ein Gespräch kommen, das ich neulich mit einer ETH-Studentin der Biotechnologie zu diesem Thema hatte. Sie meinte, naja, in naher Zukunft stelle sich dieses Problem eh nicht mehr, Am künstlichen Herzen wird schon seit längerem sehr intensiv geforscht und bald kann man alle Organe drucken. Die ETH forscht bereits seit längerem daran.

    https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2017/07/kunstherz-auf-dem-pruefstand.html

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  • Angela Wäffler
    Gepostet um 09:35h, 08 September Antworten

    Mein Mann hatte – Gott sei dank – keinen Spenderausweis. Als wir jung waren, hatten wir uns theologisch und theoretisch darauf geeinigt, dass nichts gegen Organspende einzuwenden sei. Als mein Mann krank wurde, veränderte sich unsere Perspektive. Wir fragten uns, wie es wohl den Zurückbleibenden ergehen würde. Leben und Sterben waren nun existentiell gefüllte Themen, keine Theorie mehr. Der versehrte Körper gab dem Leben eine ganz neue Dimension. Vor Gott war noch immer alles möglich, aber nun ging es um uns. Und wir dachten nicht mehr an Organspenden, zu krank war der ganze Körper.
    Dann starb mein Mann in einer Nacht im Spital. Sein Tod war noch kaum festgestellt, als ein Arzt mit allem Respekt fragte, ob die Hornhaut meines Mannes weiterverwendet werden dürfe – wahrscheinlich das einzig Verwertbare am geschundenen Körper. Ich hatte eine Stunde Bedenkzeit und habe „Nein“ gesagt. Niemand sollte die Totenruhe meines Mannes stören. Niemand sollte mit professioneller Distanz seine geschlossenen Augenlider heben, niemand sollte ihn noch weiter mit medizinischer Kompetenz behandeln.
    Und für mich wollte ich die ungestörte Zeit des Abschiednehmens. Egoistisch vielleicht, dogmatisch vielleicht unkorrekt. Aber es fühlte sich genau richtig an – und tut es drei Jahre später immer noch. Dem Toten seine Ruhe zu gönnen. Den Frieden aufleben zu lassen. Zeit zu haben.
    „Gott, nun lässt du deinen Diener in Frieden frei, wie du gesagt hast“.
    Seither beschäftigt mich die Frage sehr, ob wir theoretisch solche Entscheidungen treffen können, die im Moment der Realisierung in ganz anderen Dimensionen erscheinen.

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  • Claudia Mehl
    Gepostet um 09:42h, 08 September Antworten

    Vielen Dank, Herr Jütte, mit Ihrem Kommentar sprechen Sie mir aus dem Herzen. Erst neulich hatte ich ein interessantes Gespräch zu diesem Thema mit einem befreundeten Chirurgen. Wenngleich ich Ihre Ansichten und Bedenken teile, muss ich Frau Ramöller Recht geben, wenn sie schreibt, dass Egoismus eine unzutreffende Kategorie für die Unsicherheit dieser intimen und sensiblen Entscheidung darstellt.

    In Deutschland und der Schweiz gilt ja hinsichtlich Organspenden die Zustimmungslösung (einem Toten dürfen nur dann Organe entnommen werden, wenn der Verstorbene bereits zu Lebzeiten zugestimmt hat). In Österreich dagegen greift die Widerspruchslösung, Diese sieht vor, dass einem Toten Organe entnommen werden dürfen, wenn der Verstorbene dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Damit wird Angehörigen, die im Falle der Zustimmungslösung evntl. entscheiden müssen, die Entscheidung abgenommen und zudem scheint die Organspenderate in Österrreich höher zu sein als in Deutschland und der Schweiz.

    Zudem hatte ich kürzlich ein Gespräch mit einer ETH-Studentin der Biotechnologie. Sie meinte, naja, künftig stelle sich dieses Problem eh nicht mehr. Die Forschung an einem künstlichen Herzen sei schon sehr fortgeschritten und bald könne man alle Organe drucken.
    Auch wenn das wohl noch nicht morgen sein wird, vielleicht ein kleiner Lichtblick?

    https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2017/07/kunstherz-auf-dem-pruefstand.html

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  • Claudia Mehl
    Gepostet um 10:01h, 08 September Antworten

    Vielen Dank, Herr Jütte, für Ihren interessanten Kommentar. Erst kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem befreundeten Chirurgen zu diesem Thema. Ich verstehe und teile Ihre Ansichten und Bedenken. Dennoch muss ich Frau Ramöller Recht geben, wenn sie schreibt, dass Egoismus eine unzutreffende Kategorie für die Unsicherheit bei einer solch intimen und sensiblen Entscheidungsfindung ist.

    In Deutschland und der Schweiz gilt ja die Zustimmungslösung bzgl. Organspenden (einem Toten dürfen nur dann Organe entnommen werden, wenn der Verstorbene bereits zu Lebzeiten zugestimmt hat). In Österreich dagegen greift die Widerspruchslösung. Diese sieht vor, dass einem Toten Organe entnommen werden dürfen, wenn der Verstorbene dem zu Lebzeiten nicht ausdrücklich widersprochen hat. Damit werden Angehörige geschützt, indem ihnen die Entscheidung – wie im Falle einer erweiterten Zustimmungslösung – abgenommen wird. Zudem sind offenbar die Organspenderaten in Österreich höher als in Deutschland und der Schweiz.

    Bei einem ebenfalls kürzlich geführten Gespräch mit einer ETH-Studentin der Biotechnologie zu diesem Thema meinte diese: Naja, in Zukunft stelle sich dieses Problem wohl eh nicht mehr. Die Forschung am künstlichen Herzen sei schon sehr fortgeschritten und in Zukunft werden Organe sowieso gedruckt werden.
    Auch wenn dies wohl noch nicht morgen so weit sein wird – ein kleiner Lichtblick?

    https://www.ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2017/07/kunstherz-auf-dem-pruefstan

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  • Michel Müller
    Gepostet um 10:16h, 08 September Antworten

    Sehr gut, dass heute auf dieses wichtige Thema hingewiesen wird. Mir gings so, dass ich ziemlich am Anfang meiner Pfarrtätigkeit einen Konfirmanden hatte, der dringend eine Niere suchte. Seitdem trage ich einen Spenderausweis bei mir.

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  • Alpöhi
    Gepostet um 17:40h, 09 September Antworten

    Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, verliert der Tod seinen Schrecken und seinen Absolutheitsanspruch…

    Wenn es der Kirche also ernst ist mit dem Leben nach dem Tod, dann dürfte die Kirche durchaus eine gesunde Skepsis gegen den spitzenmedizinischen Machbarkeitswahn entwickeln, und sich einsetzen für einen Paradigmenwechsel in den letzten Stunden des diesseitigen Lebens.

    Ich möchte dereinst nicht in ärztlicher Hektik sterben, sondern in Ruhe und Würde. Auch und gerade, wenn ich todkrank bin.

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 23:42h, 09 September Antworten

      Lieber Alpöhi, Studien belegen, dass bei schwerer Krankheit und in Todesnähe der Altruismus als Haltung zunimmt. Vielleicht möchten Sie gerade dann gerne jemandem etwas Gutes tun?

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      • Alpöhi
        Gepostet um 22:11h, 11 September Antworten

        Das kann sein, aber darum geht es nicht.

        Wenn es der Kirche ernst ist mit dem Leben nach dem Tod, dann müsste sie einen unverkrampften Umgang mit dem Tod und dem Lebensende haben. Also das genaue Gegenteil von „jetzt noch weiterleben um jeden Preis“.

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        • Alpöhi
          Gepostet um 22:18h, 11 September Antworten

          Sie dürfen gerne auf das Thema eingehen statt auf den Nebenschauplatz.

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          • Barbara Oberholzer
            Gepostet um 07:14h, 12 September

            Gerne, Alpöhi. Bereits Jesus hat geheilt und Tote auferweckt, wenn es so gewünscht war. Die Bedürfnisse der Menschen waren ihm nicht egal. Soll ich die biblischen Stellen nennen?
            Dann lehnen Sie eine medizinische Behandlung grundsätzlich ab, zB bei Krebs?

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          • Alpöhi
            Gepostet um 13:47h, 12 September

            Die Medizin bewirkt viel Gutes, aber es wird auch viel Scharlatanerie getrieben. Die Schulmedizin bleibt der Alternativmedizin diesbezüglich nichts schuldig. Aus meiner Sicht müssen sich Schulmedizin und Alternativmedizin situativ der Frage stellen: „Hilft jetzt die Medizin dem Patienten, oder macht sie ihn letztlich kränker – und füllt nur die Taschen des medizinischen Personals?“

            Ein Freund von mir erkrankte an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er zog das volle Programm durch – und überlebte dann fünfzehn Monate statt drei. Das geschenkte Jahr war für alle Beteiligten wertvoll. Aber der Preis war hoch! Und ich rede nicht von Franken, obwohl es auch dort zutrifft.

            Ich habe daher den starken Eindruck, dass es letztlich besser ist, den Tod bei der Sense zu packen und sich ihm zu stellen, und dann versöhnt mit dem Leben und dem Tod zu sterben. Denn darum herum kommen wir ja trotzdem nicht. Irgendwann ist mein letzter Tag, und Ihrer auch.

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  • michael vogt
    Gepostet um 20:59h, 09 September Antworten

    ein viertel jahrhundert stand auf meinem spenderausweis, dass ich alle organe spende. dann befasste ich mich mit dem thema hirntod und dem vorgang organspende. seither steht auf dem ausweis, dass ich keine organe spende. der bericht vom konfirmanden, der dringend eine niere suchte, verunsichert mich. besonders darin, ob ich meine entscheidung auch noch publik machen soll. unsicher bin ich aber auch darin, ob eine person mit diagnose hirntod tatsächlich nichts mehr spürt. könnte es sein, dass die seele in am leben erhaltenen organen noch lebt? als organempfänger habe ich mich nie verstanden. aber auch da ist es unsicher, ob nicht angesichts der bedrohung des lebens ein bisher unbekannter lebenswille entsteht. die bindungen zu den andern, von denen stephan jütte schreibt, lösen sich. erlösung heisst aber auch, dass sie als gelöste erst recht zu stande kommen. sterben sei ein gewinn, sagt paulus, „bei weitem das bessere“. auch das sterben während des lebens. das leben mit einer krankheit. natürlich kann auch ich die sache nicht umfassend entscheiden, stehe aber zu meiner entscheidung, weil sie, wenn es gut geht, zu einer tendenz in der diskussion beiträgt.

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  • Friederike Kunath
    Gepostet um 21:42h, 09 September Antworten

    Vielen Dank für den persönlichen Artikel zu einem Thema, das mich erst vor kurzem in eine sehr intensiv geführte Diskussion auf Facebook mit vielen Menschen gebracht hat, und dabei ging alles Für und Wider hin und her. Ich selbst werde immer mehr darin bestärkt, dass ich für mich Organspende ablehne, auch wenn ich natürlich nicht genau weiss, wie ich etwa als potentielle Empfängerin denken würde. Dennoch, die Ruhe des Sterbens ist mir für mich und andere ein so hoher Wert. Und die Unsicherheit darüber, was da wirklcih passiert am Übergang in den Tod, lässt mir kein Ja zur Organspende zu. Und mit Egoismus hat das für mich gar nichts zu tun, die entsprechenden Argumente sind völlig unangemessener moralischer Druck. Es kann in diesem Bereich, finde ich, keine Erwartung an unsere Mitmenschen geben. Wünschenswert ist nur, dass es jede/r rechtzeitig klärt.

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  • Corinne Duc
    Gepostet um 10:29h, 11 September Antworten

    Man sollte sich vielleicht doch der Frage stellen, was das für eine Angst sei, welche Menschen dazu bringt lieber mitsamt allen Organen in der Erde zu verrotten (oder vorher alles kremieren zu lassen), als jene Organe, die noch weitere Verwendung finden könnten, den Mitmenschen zu überlassen.
    Klar, ich hätte auch grosse Hemmungen meine Organe anzupreisen. Vielleicht hat es unentdeckte Viren drin, Krebsvorstufen oder was auch immer für potenziell schädliche Faktoren. Aber die Risiken sind auf der anderen Seite bekannt. Wenn ein Mensch sonst gesund ist bzw. wäre und nur gerade ein Organ dringend ersetzt haben sollte bzw. möchte – warum sollen wir da nicht die Hand (oder sonstige Organe) reichen?

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    • Esther Gisler Fischer
      Gepostet um 17:10h, 11 September Antworten

      Ja klar ist es wünschenswert, anderen Menschen durch eine Organspende Gutes tun zu wollen. Doch stellt sich für mich die Frage, ob beim Sterbeprozess nicht Dinge ablaufen, in die wir noch zuwenig Einblick gaben. So ist unklar, wie lange es wirklich braucht, bis die Seele den Körper verlässt.

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      • Barbara Oberholzer
        Gepostet um 19:04h, 11 September Antworten

        Der heutige Wissensstand ist glaub schon der, dass es keine vom Körper unabhängige Seele gibt. Was wir als Seele wahrnehmen, ist im Gehirn lokalisiert. Und gerade dieser sehr genau nachgewiesene Hirntod ist die Voraussetzung für die meisten Organspenden. Wenige erfolgen nach einem Herztod. Was nach dem Tod ist, wissen wir in der Tat. Doch wir glauben …🌈

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        • michael vogt
          Gepostet um 00:30h, 12 September Antworten

          in meinem beitrag spreche ich nicht von einer unabhängigen seele. es kommt vor, dass nach einer diagnose hirntod jemand doch wieder auflebt. es gab da noch nicht messbares leben. und ob die wahrnehmung an das gehirn gebunden ist, wird in frage gestellt. in Ihrem zweitletzten satz fehlt wohl ein „nicht“. so wie die vernunft auch vertrauen bringt, bringt die offenbarung auch wissen. hiob „weiss“, dass sein erlöser lebt.

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        • Anonymous
          Gepostet um 13:56h, 14 September Antworten

          Also gibt es kein Bewusstsein ohne Körper. Das würden die Buddhist_innen wohl etwas anders sehen mit ihrer Inkarnatiosnlehre. Dann ist aber auch die Idee eines Leben nach dem Tod Mumpitz. Ein physikalisches Gesetz besagt, dass Energie erhalten bleibt. Also gehen Materie und Bewusstsein ihre eigenen Wege zurück ins unendliche All …

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        • Anonymous
          Gepostet um 13:58h, 14 September Antworten

          Das tibetanische Totenbuch würde da etwas anderes sagen. Ob uns solche transkulturellen und -religiösen Erfahrungen vielleicht weiterhelfen könnten?

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 19:05h, 11 September Antworten

    Wissen wir in der Tat nicht, sorry 😊

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    • Corinne Duc
      Gepostet um 21:39h, 11 September Antworten

      Guten Abend. Wenn die Seele unsterblich und unteilbar ist, wird es ihr doch auch nicht ausmachen (im negativen Sin), wenn dem Körper ein paar Organe entnommen werden? Vielleicht wird sie sich vielehr darüber freuen;-)

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      • michael vogt
        Gepostet um 16:55h, 12 September Antworten

        ob die seele unsterblich ist, mit dem körper (allmählich) stirbst oder (allmählich) aus ihm entweicht, aus ihm wegfliegt, wie es in der antike gemalt wurde, macht, wenn ich recht sehe, beim thema organspende keinen unterschied. die entscheidende frage ist, ob sie von der organentnahme und den vorbereitungen dazu etwas wahrnimmt, ob sie – einige reden von höllenqualen – leidet. das will ich nicht behaupten. das naturwissenschaftliche weltbild liegt mir recht nahe. aber nicht so nahe, dass es mir gewissheit vermitteln kann. in einem report aus spanien habe ich mitbekommen, dass bereits vor der befragung der angehörigen kühlflüssigkeit in die lungen gegossen wurde. das hat mich schockiert. wie ist es bei uns? der tödlich verunfallte arbeiter erhielt während des transports andauernd eine herzmassage. die organe mussten ja am leben erhalten werden. hier begegnen wir einer zweiten frage: reanimation. „ihr könnt nichts kaputt machen“, wird jugendlichen bei der instruktion in die herzmassage gesagt. sie sollen mit aller kraft vorgehen. ich finde, man kann sehr viel kaputt machen: das sterben in frieden. sterbende, die aus einer wunderbaren nahtoderfahrung zurückgeholt wurden, waren enttäuscht – und vielleicht durch einen unfall jahrelang in der rehabilitation und auch nachher lebenslänglich schwer behindert. fachpersonen stimmen mir zu: es braucht eine „grundsätzliche diskussion“. auf meiner patientenverfügung steht „keine reanimation – wenn ich sterbe, sterbe ich, und möchte dabei nicht gestört werden.“

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        • michael vogt
          Gepostet um 17:03h, 12 September Antworten

          und entschuldigung für das unpassende s in der ersten zeile

          was mir auch aufgefallen ist: dass in diskussionen die fragestellungen, die gegen die organspende sprechen, weitgehend umgangen wurden

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      • Anonymous
        Gepostet um 14:01h, 14 September Antworten

        Wenn Gottes Geistkraft in uns inkarniert ist, ist sie dies in jeder Faser unseres Körpers und es fehlt dann vielleicht doch was, wenn gewisse Organe entnommen werden …

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    • michael vogt
      Gepostet um 00:31h, 12 September Antworten

      ebenfalls sorry 🙂

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 17:43h, 12 September Antworten

    @Alpöhi: So ist es. Und falls ich an einem Hirntod versterben sollte, spend ich halt vorher meine Organe, soweit noch brauchbar. Mitnehmen kann ich sie nicht. Pax tecum, Alpöhi 😊

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