Scham

Im Diesseits, das heisst im Hier und Jetzt, plädiere ich für eine Kultur der Schampflege. Im Jenseits ist Scham nicht mehr nötig, denn dort wird alles liebevoll aufgedeckt sein. Aus vier Gründen postuliere ich die Notwendigkeit, die Scham als etwas Gutes und Notwendiges in unserer Kultur zu pflegen und zu hegen.

Erstens bin ich über den schamlosen Umgang zwischen Personen und Gruppen im privaten und öffentlichen Raum erschüttert und erbost. Persönlich wurde ich Ende letzten Jahres aufgrund des Engagements im Bereich der Flüchtlingskrise vor Ort in der Helferei am Grossmünster und medial durch die Teilnahme in einer Arena-Sendung nicht nur schamlos, sondern respektlos und verunglimpfend angegriffen. In politischen Auseinandersetzungen und medialen Shitstorms wird die Schamgrenze dauernd überschritten. Das Internet ist zum schamlosen Tummelfeld geworden, wo man sich respektlos austobt. Menschen werden an den Pranger gestellt, rassistische und antisemitische Pamphlete setzt man ins Netz, ohne sich zu schämen. Soziale Medien entpuppen sich allzu oft als rechtsfreie Räume und als schamfreie Orte, wo Menschen der Lächerlichkeit und der Beschämung preisgegeben werden. Ohne Scham, ohne Respekt, ohne Achtsamkeit – dagegen wehren sich Kirchen mit ihren Räumen und Menschen als Hüterinnen einer Pflegekultur von Scham.

Zweitens bin ich überzeugt, dass Scham etwas Gutes und Heilsames ist. Sie ist nicht bloss ein Empfinden, das zu therapieren ist, weil es grundsätzlich in mehr oder weniger definierte Krankheitsbilder passt. Ich kann nicht verstehen, dass das, was wir über Angst wissen, nicht auch auf die Scham übertragen wird: Ohne Angst ist es dem Menschen nicht möglich zu leben. Ohne Scham auch nicht. Wer sich schämt, ist sich der Reibung bewusst, die sein Lebensvollzug mit den von ihm gewählten Werten und Vorstellungen erzeugt. Seine Erkenntnis von Gut und Bös zieht ihn immer wieder in diesen Zwiespalt. Deshalb braucht er Kleider, um sich zu schützen und weitere Schritte ins Offene zu wagen.

Drittens glaube ich, dass Scham und Beschämen nicht dasselbe sind. Wer andere beschämt, zieht dem Gegenüber die Hosen runter. Damit zieht er die Würde von Subjekt und Autonomie in den Dreck. Er macht das Gegenüber zum Objekt seiner Belustigung, indem er das vor Scham errötete Gesicht verlacht. Dieses hämische Lächeln ist des Teufels. Dessen Geschäftsstrategie schreibt vor, andere zu beschämen.

Viertens halte ich für wahr, dass nach unserer biblischen Tradition Gott diesem teuflischen Geschäft der Beschämung Einhalt geboten hat. Er hat liebevoll die Scham von Mann und Frau im Paradies bekleidet. Er schickte sie getrost ins Diesseits der Welt, um zu arbeiten und zu lieben. Der christliche Glaube hält die Erinnerung wach, dass Menschen in der Begegnung mit Jesus spüren, mit ihrer Scham respektiert und geachtet zu sein. Durch Christus wird Gott so in schamerfüllte Zeiten gezogen. Es entstehen Räume, wo Menschen einander schamvoll begegnen, deshalb mit Respekt vor der Würde und achtsam darauf, nicht zu verletzen und blosszustellen, sondern zu schützen und zu bekleiden.

Christoph Sigrist

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4 Kommentare
  • Daniela Bretscher
    Gepostet um 22:51 Uhr, 01. Oktober

    Danke, dass Du über dieses wichtige und vernachlässigte Thema nachdenkst und dies mit uns teilst.

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  • Wilfried Inner
    Gepostet um 05:29 Uhr, 02. Oktober

    Pfarrer Sigrist regt sich u.a. über antisemitische Pamphlete auf. Ich hoffe er regt sich auch und besonders im Reformationsjahr über seinen „Religionsgründer“ Martin Luther auf. Dessen antisemitischen Pamphlete sind bis heute an Schamlosigkeit kaum zu überbieten. Vielleicht wurde Schamlosigkeit religiös gegründet und inkulturiert. Die katholische Kirche steht der reformierten darin in nichts nach. Dann wären die Kirchen keine „Hüterinnen einer Pflegekultur von Scham“, sondern Kämpfer gegen den selbst verursachten Unrat.

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  • Anonymous
    Gepostet um 16:19 Uhr, 08. Oktober

    Bedenkenswert und originell. Und an der Zeit. Danke, Christoph!

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  • Rebbi Heiniger
    Gepostet um 16:55 Uhr, 08. Oktober

    Noch wichtiger als Scham finde ich, dass wir uns unserer Schuldhaftigkeit gegenüber Gott und seinen Geboten bewust werden.

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