Schlüsselerlebnisse im (Zügel-)Alltag

Loslassen sei der Schlüssel zum Glück, höre ich immer wieder. «Wer loslässt, hat die Hände frei.» Letzteres ist materialiter nicht ganz einfach während eines Wohnungsumzugs, aber schon klar, was im übertragenen Sinne damit gemeint wäre. Natürlich habe ich trotzdem die leisen Hinweise darauf verstanden, dass so ein Umzug eine gute Gelegenheit ist, sich materiell (und emotional) von Dingen, Verbindungen und Erinnerungen zu trennen.

Natürlich gibt es beim Transport (der wieder einmal viel zu umfangreich vorhandenen) Ware auch die Dimension der unfreiwilligen Trennung; mit Verlust und Schäden muss man rechnen. Es kann vorkommen, dass sich die Materie von seinem Besitzer trennt. Konkret: Irgendwann war ich dann einmal müde und unaufmerksam genug, dass sich mein Schlüsselbund verabschiedet hatte. Er ist mir beim Tragen von Kisten auf die Strasse gefallen. Nachdem ich es bemerkt hatte, war es zu spät und der Abend gelaufen. Bis zum Sonnenuntergang suchte ich immer wieder die Strasse und alle Wege ab.

Suchstrategien. Wohlgemerkt: Ich spreche vom Verlieren, nicht vom Verlegen – ganz andere Baustelle! Jeder kennt sie, diese Suchstrategien, der Versuch, Erinnerungen abzurufen, im Geiste Wege abzugehen. Man kennt es ja, dass man vor lauter Suchen das Offensichtliche vor der Nase übersieht. Mein klassisches Beispiel sind da Kontaktlinsen. So habe ich früher aus dem vielen Suchen nach diesen Dingern die «philosophische» Erkenntnis konstruiert: Es hilft, Abstand zu nehmen (nicht nur, weil man sie zertreten könnte) und den Blick auf die Dinge zu verändern. Kurz aus dem Bad raus, sich sammeln, durchatmen, sorgfältig wieder Richtung Lavabo und siehe da: Nicht selten hing eine am Spiegel oder mit letzter Adhäsionskraft am Wasserhahn.

Bei diesem Schlüsselbund aber hatte alles nichts geholfen, und so langsam überkam mich die Sehnsucht, Hilfe anzufordern. Bevor ich mich aber Menschen offenbarte und etwa meiner Familie gestehen wollte, dass ich den soeben erhaltenen Wohnungsschlüssel des neuen Hauses bereits verloren hatte und mir damit nicht nur Schimpf und Schande auferlegen, ja schon die mühsamen nächsten Schritte und Kosten auszumalen beginnen wollte, entwichen mir erste Stossgebete. Aber das Gottvertrauen schien in diesem Moment grad auch etwas abhanden gekommen zu sein.

Ich habe schon einige Male in öffentlichen Interviews im Rahmen meiner Tätigkeit als Beauftragter für das Reformationsjubiläum thematisiert und gefragt, wie man in der Reformation damit umgegangen ist, dass den Menschen nach der Umstellung des gesamten, über Jahrhunderte eingeprägten Glaubenssystems auch etwas fehlen könnte. Nach der Reformation fehlten die Heiligen und damit auch das zuständige «Personal», das man für jede Lebenslage mal eben anfragen konnte.

«Heiliger Antonius!», kam mir in den Sinn. Mir wurde beim Verlust des Schlüssels schlagartig bewusst, dass es der Namenstag meines Vaters war (13.6.). Den wollte ich natürlich nicht trüben und mir wie gesagt kein Donnerwetter bescheren, aber die Ironie ist offensichtlich: Mein Vater heisst Antonio und der Heilige Antonius (von Padua) ist den einen oder anderen noch bekannt als der zuständige Heilige, wenn es um verlorene Dinge geht. Den konnte ich nun gerade als Reformierter nicht bemühen. Ich gebe zu, dass am Schlüsselbund das Bildnis des Erzengels Michael (Schutzpatron unseres Heimatdorfes) hängt; natürlich nur, damit der Schlüsselbund identifizierbar ist …

Und doch schien ich einen Schutzengel gehabt zu haben. Ich erzählte es am nächsten Tag, nach einer wohlgemerkt unruhigen Nacht inmitten von Zügelschachteln, einem Handwerker auf der Baustelle unseres neuen Hauses, wie der Schlüssel wieder zu mir gefunden hat: Um circa 18 Uhr habe ich den Schlüsselbund verloren. Am nächsten Morgen um 8 Uhr rief die Polizei meinen Vater (das heilige Donnerwetter…) an, der Schlüssel sei auf ihrem Posten abholbereit. Halleluja!

Die besten Geschichten schreibt bekanntlich das Leben. Ich bin geneigt, von einer Fundgrube zu sprechen, denn der Bauarbeiter, alles andere als intellektuell, aber herrlich pragmatisch und entspannt, konterte mit einer Erzählung: Er habe einst ein Handy auf der Strasse gefunden und es zu Hause auf seinen Tisch gelegt, wartend, ob sich jemand einmal meldet. Prompt erschien eine Nachricht auf dem Display. Geneigt zu helfen, rief er ab dann die Nummer immer wieder an und stiess ständig auf das Besetztzeichen. Irgendwann hat es dann auch sein Gegenüber begriffen, dass seine Anrufversuche nicht zielführend waren, endlich kam der Erzähler durch. Das erste, was er dem zunehmend erleichtert reagierenden Menschen auf der anderen Seite übermittelte, war: «Guter Mann, wenn Sie möchten, dass man Ihnen hilft, müssen Sie auch mal Pause machen.»

Banal? Mitnichten. Das biblische Sprichwort «Wer sucht, der findet» tut auch für Reformierte feine Dienste. «Loslassen ist der Schlüssel zum Glück» – und ein bisschen Vertrauen kann nicht schaden. Heilige hat es überall.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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5 Kommentare
  • Anita Ochsner
    Gepostet um 07:19 Uhr, 04. Juli

    Wer sooviieel loslässt, lassen musste, darf auch Neues empfangen! 🙂 Wenn auch im Moment ein neuer „alter“ Schlüsselbund. Der Schlüssel zum Glück in die neue Tür. Was sie Dir wohl eröffnen wird … ?! 😉 Herzlich alles Gute 🙂 Dir Michael.

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 07:26 Uhr, 04. Juli

    Wer sooviieel loslässt, lassen musste, darf auch Neues finden! 🙂 Wenn auch im Moment der neue „alte“ Schlüsselbund ;-). Ein Schlüssel zum Glück in die neue Tür – was sie Dir wohl neues eröffnen wird?! 😉 Alles Gute Dir Michael.

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  • Helena Durtschi
    Gepostet um 08:42 Uhr, 04. Juli

    wunderbare Geschichte

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  • Helena Durtschi
    Gepostet um 08:42 Uhr, 04. Juli

    wunderbare Geschichte!

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  • michael vogt
    Gepostet um 08:47 Uhr, 04. Juli

    „aphele panta!“ sagte plotin: „lass alles!“ und wurde neben dionysos von aeropagita, der sagte „hyper“, „über alles hinausgehen“, ahnvater der westlichen mystik. lassen und übersteigen ist bis heute ihr grundprinzip. „alles loslassen!“ sagte ein meditationslehrer zu beginn eines meditationsabends immer, deren ich in den achtzigern jahrelang bei ihm besuchte. „was loslassen?“ begann ich mich aber bald zu fragen. und: „was heisst loslassen? alle winde in mir loslassen?“ und ich probierte alle vorsilben durch: zulassen, ablassen, verlassen, hereinlassen, herauslassen. . . schliesslich kam ich zum schluss: das ist mir zu anthropologisch, zu imperativisch. kam auch auf texte meister eckharts, die aus lauter einen imperativ implizierende infinitiven bestanden. das dionysische „hyper“ kam ja auch in den genuss heftiger kritik luthers: superbia! Sie könnten als wahrer meditationsmeister bezeichnet werden: sogar den schlüssel haben Sie losgelassen – und offenbar irgendwie überstiegen. zudem loben Sie dann das loslassen, obschon die erlösung aus ihrer misslichen situation aufgrund von offenbarung zu stande kommt. das wissen die meisten gar nicht: dass die reformation nicht zuletzt wegen der damaligen grossen bewegung mystik und spiritualität in bewegung gesetzt wurde, die auch die heutige ist, worüber aber niemand jemand jemals aufklärt. während der ganzen jubiläumsfeiern diesbezüglich ein geradezu mystisches schweigen. wie viele, nehmen Sie zuflucht zu den engeln und zu den heiligen. aber die devise könnte doch auch sein: das eine tun und das andere nicht lassen. 😉

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