Sein Kreuz und unsere Trümmer

In meiner Social Media Filterblase taucht immer wieder dasselbe Bild auf: Das scheinbar leuchtende Kreuz inmitten der Trümmer der vom Feuer verheerten Notre Dame de Paris. Und irgendwie lässt dieses Bild in mir all die Nebengeräusche von Bekundungen der Anteilnahme, politischer Instrumentalisierung und Verschwörungstheorien rund um den Brand verstummen.

Zwischen den Trümmern und der Asche dieser Welt und unseren menschlichen Werken steht es da, dieses Kreuz. Fremd wirkt es in seiner Umgebung, und zieht damit unseren Blick an.

Wechseln wir für einen Moment die Szene. Auf der Bühne von Politik und Wirtschaft stehen die grossen Namen bereits Schlange, welche zu den Rettern dieser einst grossartigen Kathedrale gehören wollen. Darunter einige der reichsten Personen, Familien und Unternehmen auf dem gesamten Globus. Von Einzelspenden in dreistelliger Millionenhöhe ist die Rede. Damit dieses Wahrzeichen von Paris wieder in seinem alten Glanz erstrahlen mag.

Es wird wohl vergleichsweise blass wirken, das jetzt so strahlende Kreuz, sobald seine kostbare Verpackung wiederhergestellt ist. Dann wird sich wieder das monumentale Bauwerk bewundern lassen, während dem Kreuz wieder seinen alten Rang eines kulturellen Statisten zukommen dürfte. Das Bethaus wird wie zuvor zu einem Touristen-Magneten sondergleichen, und die Kassen klingeln wieder.

Man könnte nun darüber schreiben, wieso Personen, Familien und Unternehmen für gigantische Einzelspenden nun Zustimmung und Bewunderung erhalten, während sie konsequent jahrein, jahraus vermutlich noch grössere Beträge nach allen Regeln der Finanzkunst an den Steuern vorbei maneuvrieren – und damit den Menschen einer Gesellschaft ihre Solidarität vorenthalten. Es scheint in dieser Hinsicht, als lebten wir im Mittelalter: Diejenigen, die sich auf ausbeuterische Weise auf Kosten der Kleinen den Wanst vollschlagen, präsentieren sich nun als die edlen Mäzene.

Oder man könnte fragen, warum der Brand eines Gebäudes Sonderberichterstattung epischen Ausmasses rechtfertigt, während über gewisse humanitäre Krisen und bewaffnete Konflikte kaum bis gar nicht berichtet wird. Wobei es wohl falsch wäre, die Medien dafür an den Pranger zu stellen. Denn schlussendlich liefern uns diese die Sorte von Brot und Spielen, nach welchen wir als Öffentlichkeit schreien.

Was mich wirklich getroffen hat die letzten Tage, das war ein Bild (oder zu gut Internet-Neudeutsch: ein Meme) des Satire-Formats Bohemian Browser Ballet. Ein Obdachloser, auf einer zerrissenen Kartonschachtel, so gut wie möglich in Decke und Kapuzen-Pulli eingepackt schlafend, davor eines der typischen Pappschilder. Die Aufschrift darauf: „Sammle Spenden für den Wiederaufbau von Notre Dame“.

Für den Wiederaufbau eines Gebäudes stehen die Spender Schlange – während wir alle wohl tagtäglich an der Not unseres Mitmenschen achtlos vorbei gehen.

Vielleicht muss deshalb diese Kirche so schnell wie möglich wieder aufgebaut werden: Damit uns die verbrannten Trümmer um das leuchtende Kreuz nicht mehr daran erinnern, wie es um unsere Welt bestellt ist, ja: wieviel davon gar unser Werk, unser Anteil daran ist. Dass das Kreuz dann auch nicht mehr so sehr auffällt, ist wohl ein willkommener Nebeneffekt.

Diese Kar-Woche werden aber sein leuchtendes Kreuz und unsere pechschwarzen, vebrannten Trümmer noch aushalten müssen – immerhin sind letztere damit am richtigen Ort unter seinem Kreuz.

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

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8 Kommentare
  • Michel Müller
    Gepostet um 17:29 Uhr, 17. April

    Es gibt ja soviele auch unpassende Kommentare zu dieser Brandkatastrophe. Dieser Kommentar gehört jedenfalls zum inspirierendsten, was ich so gelesen habe. Vielen Dank und einen guten Dienst über Karfreitag und Ostern!

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    • Michael Wiesmann
      Gepostet um 08:14 Uhr, 18. April

      Herzlichen Dank. lieber Michel! Auch Dir besinnliche Tage – und dann frohe Ostern!

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  • Markus Saxer
    Gepostet um 17:50 Uhr, 17. April

    Ich war noch nie dort … aber ich glaube schon, dass es eine Rolle spielt, dass Paris eine Art Sehnsuchtsort ist und sehr viele Schweizer eben mit Paris gute Erfahrungen und Erinnerungen verbinden. Da macht es schon betroffen, dass es ein Ort ist den man selbst besucht hat oder schon lange besuchen wollte und jetzt vorerst nicht mehr kann. Es geht auch umgekehrt. Ich war noch nie im World Trade Center in New York vor 9/11… aber eben nachher im Memorial Park. Und jetzt berührt es mich viel mehr wenn in New York etwas passiert als in Philadelphia.

    Als die Piraten von Batavia im Europapark abbrannten habe ich auch geschluckt. Da war ich sicher ein Dutzend Mal drauf und wäre beim nächsten Besuch im Europapark auch wieder damit gefahren. Wenn in Spanien im Freizeitpark X die Achterbahn einstürzt sehe ich vielleicht ein Problem der psychologischen ersten Hifle aber berühren tut es mich nicht gross.

    Ich habe kein gutes Verhältnis zu den Massenmedien, Als Angehöriger eines Careteams der zwingend vor dem Blick bei den Angehörigen eines Verstorbenen sein muss, sind sie Gegenseite oder Feind. Journalisten sage ich ganz grundsätzlich nicht einmal die Uhrzeit. Der jetzt ausgebrochene Notre-Dame Hype und die Bewirtschaftung der jetzt aufpoppenden Verschwörungstheorien zeigen doch auch das grundsätzliche Problem der Befeuerung solcher Ereignisse durch verantwortungslose Medienschaffende.

    Vielleicht tun wir als Kirche vor allem dann der Gesellschaft einen Dienst wenn wir nüchtern und besonnen die Hypes Hypes sein lassen und zur Tagesordnung übergehen. Mitgefühl mit der betroffenen Kirchgemeinde (soweit ich weiss ist Notre Dame als Gemeindekirche auch noch in Gebrauch) ist damit ja noch nicht verboten.

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  • Alpöhi
    Gepostet um 22:21 Uhr, 17. April

    „Ist doch nur ein Haus“, hört man sagen. – Nein, es ist mehr. Es ist ein Gottes-Haus. Wie jede Kirche ein Gottes-Haus ist und Emotionen weckt.

    Was mich aber wunder nimmt: Welche Emotionen denn geweckt wurden beim „Jean Francois“, der durchschnittlich säkukar-laizistisch-atheistischt tickt?

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    • Michael Wiesmann
      Gepostet um 08:34 Uhr, 18. April

      Eine schöne, alte Kirche brennt – und alle werden wieder erzkatholisch, und ein Bethaus zu einem „Gotteshaus“. Nun denn. 😉

      Aber wenn die Mäzene des Wiederaufbaus dieses Gott fürchten würden, dann sähen ihre Jahresberichte etwas anders aus. Und wenn das medial entsetzt-trauernde Volk nur halb so viel für seine(n) Mitmenschen übrig hätte an Mitgefühl wie für ein Gebäude, sähe die Welt vermutlich anders aus.

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  • Esther Gisler Fischer
    Gepostet um 16:04 Uhr, 18. April

    Herzlichen Dank Herr Wiesmann für Ihren bedenkenswerten Text!
    Ich möchte noch nachtragen: Es ist eine Kathedrale aus Stein; ein Symbol auch der einstigen Machtfülle der röm.-kath. Kirche, welche momentan arg gebeutelt ist durch vielfältige Skandale und auch sonst aus dem letzten Loch pfeifft. Daneben brennen tagtäglich die ‚Kathedralen‘ inidigener Völker; primäre Regenwälder, welche Platz machen müssen für den Anbau von Palmöl und Soja für unseren Konsumhunger.

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    • Michael Wiesmann
      Gepostet um 16:57 Uhr, 18. April

      Liebe Frau Gisler Fischer

      Danke für Ihre Rückmeldung und Rückfrage. Nun ja… dem Symbolgehalt dieser brennenden Kirche wurde von verschiedener Seite her verschiedenes „abgewonnen“. Das bewusst in Anführungszeichen, weil ich beim Hineindeuten solcher Symbole eher vorsichtig bin. Ich möchte das deshalb auch nicht in den Gesamtzusammenhang anderer Probleme und Fragestellungen innerhalb der katholischen Kirche stellen. Ich habe nicht den Eindruck, als stünde mir als Reformiertem das zu. Das ist für mich etwas anderes als wenn ich als Christ hingegen über das Symbol (und Ärgernis) des Kreuzes schreibe.

      Und natürlich haben Sie recht: Anderes, das uns ebenso heilig sein müsste, brennt tagtäglich ab – besser gesagt: Wir brennen es in unserem Konsumhunger nieder. Auch darüber hätte man schreiben können (wie über die Frage der Finanzierung des Wiederaufbaus und diejenige der Berichterstattung). Das wären dann wohl je separate Blog-Einträge, und ich habe den Eindruck, dass andere Autor*innen hier allenfalls geeigneter (weil besser informiert) sind als ich.

      Mein Anliegen mit diesem kurzen Artikel war, zum nachdenken anzuregen. Zum Beispiel darüber, inwiefern uns irgendwelche Symbole (wie eine Notre Dame) bringen, wenn wir die Werte, wofür diese angeblich stehen sollen, im Alltag nicht leben.

      Ich habe nichts gegen den Wiederaufbau der Kathedrale, im Gegenteil. Aber es ist interessant, wo wir Betroffenheit zulassen – und wo eben nicht. Und ebenso wo uns eine Milliarde nicht zu schade ist, während wir am unteren Ende unseres Sozialgefüges je länger je weniger willig sind, grosszügig zu denken und zu handeln.

      Entschuldigen Sie bitte, wenn ich damit Ihre Frage nicht direkt beantworte. Aber wie gesagt: Das wäre wohl Stoff für weitere Artikel.

      Gesegnete Ostern und herzliche Grüsse
      Michael Wiesmann

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      • Esther Gisler Fischer
        Gepostet um 13:52 Uhr, 05. Mai

        Lieber Herr Kollege Wiesmann

        In der Tat haben SIe mit Ihrem Beitrag zum Nachdenken angeregt.
        Wie Sie darauf kommen, dass ich eine Frage gestellt habe ist mir schleierhaft. Nirdendwo in meinem Kommentar ist ein Fragezeichne zu finden. 😉
        Als ehemalige Katholikin fühle ich mich befugt, der Schwesterkirche an den sprichwörtlichen Karrer zu fahren.

        Freundlich grüsst Sie
        Esther Gisler Fischer.

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