Süsses oder Saures

«Cooles Kostüm!» Mit einer Fingerschnipp-Geste aus der Hüfte und anerkennendem Grinsen blickt der junge Mann zu Zwingli und löst mit seiner Bemerkung in seiner Gruppe ein Gelächter aus. «Und was soll es darstellen?» – Ulrich, aus den Gedanken gerissen, ist verwirrt. Er hatte sich schon weiss Gott zu allem seine Gedanken gemacht, aber auf so eine Frage war er nun auch nicht vorbereitet. Die Jungen können einen auch immer wieder erwischen. – Er könnte jetzt einen Diskurs über Kleidung und Ansehen entfachen, doch zielte die Frage des Jugendlichen wohl nicht auf diese Frage ab. Zwingli schüttelt den Gedanken ab und konzentrierte sich wieder auf seine Lektüre. Ein grober Zwischenbericht zum bisherigen Verlauf des Reformationsjubiläums. «Lies bis ans End und ermiss nicht nur, wie grob, sondern auch wie wahr es sei.» Hat die Kirche ihre Chance genutzt? Viele Meinungen, viele Ansichten und Ratschläge. Wer denkt da über Kleider nach. Klar, schwarz. Ist halt so, war schon immer so.

Bald steigt Vadian zu, die beiden Gelehrten grüssen sich. Zwingli ist erleichtert, sich nun auf die kommende Disputation vorbereiten zu können. Gerade wollte er diskutieren, wie sehr die jubilierende Kirche die Botschaft des Evangeliums in die heutige Zeit rückt und ob Christus auch heute der Fels ist, auf dem alles beruht, da wird er wieder unterbrochen. «Hey, guckt mal, noch so einer! – Gibt’s von euch noch mehr?» Die beiden Herren im schwarzen Gewand gucken sich ratlos an. Kollege Martin hat sich entschuldigt. «Wohlweislich», denkt Zwingli bei sich und erinnert sich an dessen Zitat: «Jugend ist wie Most. Der lässt sich nicht halten.» Er wollte heute in die Berge; zu viel Rummel, sagte er. Dabei könnte er den Jungen, der Zukunft, doch sicher zeigen, wo der Hammer hängt.

Nun ist die Aufmerksamkeit im Zug schlagartig grösser und ein Gymnasiast blickt von seinem Geschichtsbuch auf. Man merkt ihm an, dass in seinem Kopf etwas vorgeht. «Hey, den habe ich schon mal gesehen.» Er blättert. «Das sind Reformatoren!»

«Hey, Alter, lass stecken! Das sind Halloween-Kostüme!» – «Hallo-was?», antwortet Zwingli, «man kläre mich auf.» Nun blicken sich die Jungen gegenseitig an. Kein Plan, was Hallowen ist. Etwas mit Kürbissen, etwas Horror und Geistern, geile Partys. Der Gymnasiast schmunzelt und streckt Ihnen die Zeitung «20 Minuten» zu: Ein lustiger Bericht darüber, wonach Schweizerinnen und Schweizer Google fragen, wenn es um Halloween geht. Fazit: So wirklich versteht man das Fest hierzulande nicht.[1] Scheint auch nicht nötig, Hauptsache Feiern. – Zwingli hebt die Augenbraue, Tradition die nichts mit uns zu tun hat. Und was ist mit den eigenen Erinnerungen und Bräuchen?

Der Vorabend zu Allerheiligen (All Hallow’s Eve), das habe man ja schon beiseite gelegt. «Bei allen guten Geistern, nein, bei uns gibt es keine Heiligen und die Geister dieses neuen alten Festes an seiner Statt haben nicht wir gerufen», ruft Zwingli belehrend. Und: «Mit Verlaub, es ist Reformationstag heute.» – «War ich mit Martin doch nicht in allem einig, so sei ihm doch an dieser Stelle Respekt gezollt. Ich will ja nicht zwinglianisch gegen das Festen reden. Aber etwas Bewusstsein für mündige Bürger sei doch geboten!»

Zwingli klärt sie geduldig über Luthers Thesenanschlag vor 500 Jahren auf und was daraus erwachsen ist. Ihre Gesichter sind länger geworden: Nun ist klar, warum sie in Konstanz vor geschlossenen Geschäftern gestanden und nun unverrichteter Dinge Richtung Zürich unterwegs sind. Man hat ihnen gesagt, dass in ganz Deutschland arbeitsfreier Tag sei. Nicht wegen Halloween also.

«Erstaunlich», schliesst Vadian, «dass man am 31. Oktober eher an ein vorchristliches Fest denkt, dessen Sinn und Inhalt vergessen gegangen, aber vergisst, wofür einst mutige Menschen gekämpft haben.» – Zwingli beschwichtigt: «War unser Werk wohl die Mutter aller Reformationen, hat die Bewegung doch mehr als nur einen Vater.» Was damals begonnen habe, beruhte auf Vorwerken, war reif und sollte weitergehen – bis heute.

Doch, so fragen sich die beiden: Haben sich Kirche und Staat derart auseiandergelebt? Was theologische Feinheiten betrifft, wohl bestimmt. Wer kann da noch mitreden. Ablasshandel ist vielleicht in zwei Monaten wieder fällig, wenn die weihnächtlichen Spendenbriefe auftauchen oder beim nächsten Flug ein Klimarappen zu entrichten ist. Ob Christus am Abendmahl präsent ist, ist weniger virulent als die Frage, wer überhaupt noch an den Abendmahlstisch kommt. Die vier Soli wären so einfach, dass ein Marketingmensch vor Neid erblassen müsste. Man ringt mit Worten um die eigene Existenz und ihre Berechtigung und erschafft dabei eine fatale Rechtfertigungslehre: Ist es Gnade, dass man im Staat noch existieren darf, wenn man das Evangelium dabei verschweigt?

Zwingli sprudelt und Vadian doppelt nach, denn er kennt die Folgen dessen, was sein Freund angestossen: Der Ruf nach Freiheit, die Forderung nach allgemeiner Bildung und Befähigung unabhängig von Stand und Herkunft, die Skepsis gegenüber Autoritäten, das Selber Denken und Hinterfragen, Selbstverantwortung, Schaffung mündiger Bürger, die Solidarität gegenüber sozial Schwachen, was alles aus der Reformation ist von der Kirche in die Genetik der modernen Demokratie übergangen. – Die Jungen blicken erstaunt. Das alles kommt von der Kirche?

«Vielleicht ist das der Erfolg der Reformation», sinniert Zwingli, «dass unsere Ideen heute so selbstverständlich geworden sind, dass wir darum als profillos gelten. Womit könnten wir heute noch aufrütteln ausser mit der Erinnerung daran, dass wir drauf und dran sind, unser Erbe fast gelassen auf‘s Spiel zu setzen? Nur schon darum ist es unsere Verantwortung, dass Protestanten das Protestieren nicht aufgeben … «Süsses oder Saures eben!»

[1] http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Das-wollen-Schweizer-ueber-Halloween-wissen-27203079

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5 Kommentare
  • Anita Ochsner
    Gepostet um 07:58h, 07 November Antworten

    Beim Lesen dieses Kommentars denke ich unweigerlich an die Predigt des Kirchenratspräsidenten zu 500 Jahre Reformation, die ich sehr lesenswert finde. Und an die vergangene Tagung „Lebenswelten auf Distanz III“, es gab da Erläuterungen aus kulturprotestantischer Sicht. Ich muss dazu eingestehen, dieses Wort habe ich nicht gekannt zuvor, Nun Halloween gehört ganz sicher nicht zu protestantischer Kultur. Es gehört nicht in unsere Kultur, sage ich jeweils, und es gibt bei uns, wenn die Kinder an Haustüre klingeln nichts Süsses, aus Protest gegen diesen Brauch! so müssen sie weiterziehen, oft werden sie von ihren Müttern im Hintergrund begleitet. Doch wie unser Kultur geprägt ist, eben worin protestantisch darüber werde ich mir erst allmählich bewusst. Da liegt mir das Betteln mit Kuhschellen vor den Haustüren am Samichlaustag am Herzen. Der Nachmittag ist Schulfrei, die Kinder ziehen im Ort umher mit ihren Beuteln und Glocken. Ist das ein protestantischer Brauch? Auf jeden Fall einer der hier seine Wurzeln hat.

    An der besagten Tagung, da fiel das Wort: „schauen was der Ort braucht“ solle Kirche und daraus handeln. Wie weit kann Kirche Einfluss nehmen? z.B. wenn es um geeignete Wohn- und Arbeitsplätze für Menschen mit geistiger Behinderung geht? Könnte hier Kirche in einer Form tätig werden, kann darf sie Aufrütteln?, zur Sprache bringen, dass es Plätze braucht, die bestimmte Bedürfnisse abdecken, die erforderlich sind, damit die Jungen kommenden Menschen mit geistiger Behinderung, annähernd so leben können wie normal andere in ihrem Alter. Die aber dazu bestimmte Bedingungen brauchen?
    Kann Kirche darauf Einfluss nehmen, dass Stellenprozente in der Langzeitpflege nicht gekürzt sondern aufgestockt werden? Darf sie darüber sprechen? Kann das Inhalt einer Predigt sein? Dass Menschen ihr Leben als sinnvoll erleben können, hängt eben auch stark davon ab, wie viele Betreuungs- / Pflegepersonal vorhanden sind. Gegen diese Kürzungen sollten wir Pflegfachkräfte laut protestieren!! Denn was nützt uns alle Bildung, in die gerne Geld und Zeit investiert wird, und ganz viel Wertvolles gelernt werden kann, wie fast nie zuvor in diesem Berufsfeld auch wissenschaftlich untersucht und dokumentiert wird, wenn es an der Basis nicht annähernd reicht, das umzusetzen.
    Was unser Ort braucht, aus meiner Sicht, ist: für Menschen mit geistiger Behinderung, ihren besonderen Bedürfnissen angepasste Wohn- und Arbeitsplätze und dementsprechende Betreuungsmodelle.

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    • zhrefch
      Gepostet um 14:41h, 07 November Antworten

      Hier findet man die Predigt des Kirchenratspräsidenten Michel Mülller zum Reformationssonntag:
      http://bit.ly/2yzxFe2

      (Barbara Roth)

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      • Anita Ochsner
        Gepostet um 15:10h, 07 November Antworten

        Jetzt bin ich überrascht :-), herzlichen Dank Frau Roth.

        Und eben jetzt durchs Radio !: „Die Pflegeinitiative wurde heute mit über 114‘000 beglaubigten Unterschriften bei der Bundeskanzlei eingereicht. In nur 8 Monaten haben über 120‘000 Personen unterschrieben – ein deutliches Signal an die Politik: Alle wollen ein starke Pflege“ Aus: Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK – ASI
        http://www.pflegeinitiative.ch

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 11:03h, 07 November Antworten

    Genial, einfach genial, lieber Michael! Herzlichen Dank für diesen wunderbaren Text! Gruss Reinhard

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  • michael vogt
    Gepostet um 13:04h, 07 November Antworten

    ja genau, gegen den missbrauch des ablass. a b e r wenn es unser karma ist, unser karma durch gute werke zu verbessern, können wir unser karma durch gute werke verbessern, zb durch spenden und kompensation von flugkilometern.

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