Versuchung

Nun hat sie es wieder in die Medien geschafft – nicht nur als „zarteste Versuchung seit es Schokolade gibt“, sondern als clevere Form der Medienpräsenz des Papstes. Für einmal gerät die christliche Kirche – in der Öffentlichkeit wird schon längst kein konfessioneller Unterschied mehr gemacht –nicht durch Verführung und Missbrauchsskandal ins mediale Interesse, sondern als eigentlicher Inhalt des christlichen Glaubens: So bringt Franziskus biblische Theologie und Gebet als Glaubenspraxis als Gesprächsthema in die Öffentlichkeit ein. Dafür bewundere ich ihn.

Doch was hat es mit dieser Versuchung im „Unser Vater“ eigentlich auf sich? Versuchen wir, dem Wortsinn auf den Grund zu gehen, wird deutlich, dass das griechische Wort peirazo zunächst einmal „Prüfung“ bedeutet.

Prüfungsstress

Damit ist – entgegen der landläufigen Meinung! – weder eine spirituelle Herausforderung noch eine existentielle Infragestellung gemeint, sondern einfach eine Überprüfung. „Erproben“ oder „probieren“ gehört zu diesem Wortsinn. So verstanden heisst die Bitte im Unser Vater „Prüfe uns nicht“. Und wer erinnert sich dabei nicht an die Schulzeit mit ihren vielen Prüfungen und Tests, an Versagensängste, Spickzettel und Pauken bis zum letzten Moment? Damals wurde Wissen geprüft. Die Nachhaltigkeit war – mindestens bei mir nicht besonders gross, und schon als Schülerin fand ich Prüfungen nicht besonders aussagekräftig. Da wird Druck erzeugt und eigentlich erfahren die Prüfenden mehr über die Stresstauglichkeit der Probanden als über ihr Können. Beurteilungs- und Förderungsgespräche überprüfen Verhalten und Leistung, Gesundheitschecks, Sehtests, Überwachungsinstrumente im Grossen wie im Kleinen, Smartphons und Chatverläufe werden kontrolliert…

„Prüfe uns nicht“ meint weder das Abrufen von Schulwissen, obwohl es Prüfungssituationen zuhauf gibt, noch meint es eine endzeitliche Seelenprüfung zur Scheidung der Geister. Wer Gott bittet „prüfe uns nicht“, bittet vielmehr darum, keinem unnötigen Druck ausgesetzt zu sein, so sein zu dürfen, wie er, wie sie ist. „Prüfe uns nicht“ bittet Gott, sich aus dem Überprüfungswahn rauszuhalten zu dürfen.

Auf die Probe stellen

Wer einen anderen auf die Probe stellt, will es genau wissen. Da scheint eine Verunsicherung vorhanden zu sein, ein Zweifel, der nun verifiziert werden soll. Wie wird jemand sich bewähren? Wird er, wird sie sich bewähren? Wird er, wird sie bestehen? „Wer andern ein Grube gräbt, fällt selbst hinein“ weiss schon der Prediger (Koh 10,8) und warnt im Sprichwort davor, dass die ausgelegten Stolpersteine einem selbst schaden könnten. „Stell uns nicht auf die Probe“ könnte im Unser Vater also auch darum bitten, Gott möge nicht an den Menschen zweifeln und auf jede Form der Bewährungsprobe verzichten. Denn wo das geschehen würde, da würde Gott sich selbst untreu werden, denn es heisst: „du verstehst meine Gedanken von fern. 3 […] mit allen meinen Wegen bist du vertraut. 4 Kein Wort ist auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht ganz und gar kennst.“  (Ps 139) Gott hat es doch nicht nötig, uns auf die Probe zu stellen. Nur wir selbst versuchen, unsere Grenzen auszutesten und zu überschreiten.

Lass uns nicht in Anfechtungen geraten

Die extreme – und leider in den meisten Übersetzungen vorausgesetzte – Bedeutung des Wortes peirazo geht von einer krisenhaften Anfechtung aus, die einen Menschen ins Schleudern und Verzagen bringen könnte. Dabei liegt der Akzent weniger auf dem Subjekt der Versuchung, also einem Versucher, als auf der Person, die einer Anfechtung ausgesetzt ist. In solchen Krisen kann ein Mensch sich existenziell bedroht fühlen, auch wenn kein Täter dafür verantwortlich gemacht werden kann. Die Bibel in gerechter Sprache treibt diese Deutung noch weiter und übersetzt: „Führe uns nicht zum Verrat an dir“. Doch die Gebetsbitte macht Gott weder zum Subjekt der krisenhaften Anfechtung, noch zum Objekt des Verrates. Hier wird vielmehr darum gebetet, vor Erfahrungen verschont zu bleiben, in denen ein Mensch den Boden unter den Füssen verlieren kann.

Darum …

Was oft als Versuchung übersetzt wird, ist eigentlich eine persönliche Belastung. Im UnserVater wird darum gebeten, vor solchen Belastungen oder Krisen bewahrt zu bleiben – und es ist zugleich eine Bitte, die Gott selbst betrifft:

Gott,

in deiner Souveränität hast du es nicht nötig, uns zu prüfen,

denn du kennst uns;

in gegenseitiger Zugewandtheit musst du uns nicht auf die Probe stellen,

denn Vertrauen braucht keine Erprobung.

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18 Kommentare
  • michael vogt
    Gepostet um 07:31 Uhr, 19. Dezember

    πειρασμός (peirasmos, versuchung) – der wortklang verrät es, das kann nichts harmloses sein, wie θεός (theos, gott)

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  • Barbara Oberholzer
    Gepostet um 08:06 Uhr, 19. Dezember

    Wow, Angela, ich danke dir!! Das gäbe eine super Spitalpredigt ab! Ich krieg grad wieder Lust, auch wieder so richtig Exegese zu treiben und schäme mich ein wenig, dass ich es so selten tue.

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  • Christof Bauernfeind
    Gepostet um 10:14 Uhr, 19. Dezember

    Spannender Artikel. Allerdings scheinen mit die Begriffe „Prüfung“ und „Versuchung“ inhaltlich gar nicht so weit voneinnander entfernt zu sein. „Versuchung“ hat negativen Beigeschmack, auch durch religiösen Missbrauch. Prüfung wurde eher im säkularen Umfeld benutzt und ist entsprechend weniger mit Assoziationen behaftet. .

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    • Corinne Duc
      Gepostet um 11:29 Uhr, 19. Dezember

      Guter Punkt. Man denke etwa an Christenverfolgungen, Inquisitionen oder allgemein Verfolgung und Befragung aufgrund von „unerlaubten“ Glaubenshaltungen – wir können nicht davon ausgehen, dass ein Mensch aus solchen menschenwürdeverachtenden Prozessen „gestärkt und geläutert“ herausgeht, sondern, wenn überhaupt, eher mehr oder weniger kaputt; selbst wenn er oder sie die Vorwürfe bestreitet, wird seine Freiheit dadurch schon verloren sein.

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  • Angela Wäffler-Boveland
    Gepostet um 15:08 Uhr, 19. Dezember

    Einverstanden: die Begriffe sind nicht weit von einander entfernt – doch die erzeugte Wirkung ist sehr unterschiedlich. Darum wäre es ja einen legitimen Versuch wert, die Gebetszeile als „prüfe uns nicht“ zu verstehen!

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  • Reinhard Rolla
    Gepostet um 22:13 Uhr, 19. Dezember

    Oder::“Lass uns einfach in Ruhe, lieber Gott. Schau weg, stell dich blind und taub. Dann könne wir tun und lassen, was wir wollen. Tun wir zwar sowieso, aber dann würde auch noch der letzte Rest von „Gewissen“ verschwinden und dem reinen Egoismus Platz machen. Das wäre dann echt paradiesisch – zumindest für Machtgierige, Gewinnsüchtige und schamlose Ausnützer. Also für fast alle…“

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    • Barbara Oberholzer
      Gepostet um 08:07 Uhr, 20. Dezember

      Ach, Herr Rolla …. ich bin auch nur eine arme Sünderin – Sie nicht? Und zur Frage, wo Gott hin- und wo er wegzuschauen scheint – da hätte ich auch noch ein paar Anfragen. An Gott.

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      • Reinhard Rolla
        Gepostet um 09:42 Uhr, 20. Dezember

        Das „arme Sünderin“ ist mir viel zu paulinisch. Wenn man in den „Reden Jesu“ die „paulinischen Unterschiebungen“ weglässt, kommt ein ganz anderes und viel barmherzigeres Bild zum Vorschein. Mit viel mehr Potential für Veränderungen. Siehe „Seligpreisungen“…

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  • Anita Ochsner
    Gepostet um 05:27 Uhr, 20. Dezember

    so pessimistisch kann und will ich das nicht sehen. Jedes Kind wird mit dem Sinn für Gerechtigkeit/ bzw. Ungerechtigkeit geboren, ja, der Mensch braucht auch sage „Erziehung“ , zu diesem Gebet ob mit Versuchung oder Prüfung, ob jemand das betet, macht ihn oder sie nicht einfach zu einem Menschen besseren Menschen! Auf keinen Fall. kenne doch einige Leute, die dieses Gebet nicht aufsagen, die es weglassen, für die es auch keinen „Gott“ gibt. Dann aber ihr Leben in tief christlichem Sinne Leben gestalten, und danach handeln. Für diese Welt in ihrem kleinen und im Grösseren, einstehen und für Menschen, sich auf „Prüfungen“ einlassen, weil es ganz einfach für eine bestimmet Zeit notwendig ist, ohne dass sie sich aufgeben oder aufopfern, doch für ein gutes Zusammen etwas mittragen, Verantwortung übernehmen.
    Geht natürlich auch ohne dieses Gebet, geht nicht ohne den Sinn für Menschlichkeit und Gerechtigkeit und für Freiheit für alle …

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  • michael vogt
    Gepostet um 07:00 Uhr, 21. Dezember

    zum titelbild: der apfel als alternative zur versuchung (zb schockolade)

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    • michael vogt
      Gepostet um 08:04 Uhr, 21. Dezember

      da ich seit jahrzehnten keine mehr esse, weiss ich nicht mehr, wie man sie schreibt

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    • Anonymous
      Gepostet um 21:02 Uhr, 21. Dezember

      aber es geht nicht nur um süssigkeiten. im griechischen wort peirasmos macht sich das lateinische wort peior hörbar: der schlechtere. theos peior. darin theos agape. im wort peirasmos die entladung von aggression. die erlösung vom bösen. versuchung heute: ein europaweiter stromausfall. in der versuchung die versuchung, sich archaisch (as) zu verhalten, alles für sich zu horten, niemand etwas zu geben, gar andere zu berauben und viel anderes mehr. das archaische ist aber vermittelt (asm) mit unseren intellektuelleren optionen.

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    • michael vogt
      Gepostet um 21:03 Uhr, 21. Dezember

      aber es geht nicht nur um süssigkeiten. im griechischen wort peirasmos macht sich das lateinische wort peior hörbar: der schlechtere. theos peior. darin theos agape. im wort peirasmos die entladung von aggression. die erlösung vom bösen. versuchung heute: ein europaweiter stromausfall. in der versuchung die versuchung, sich archaisch (as) zu verhalten, alles für sich zu horten, niemand etwas zu geben, gar andere zu berauben und viel anderes mehr. das archaische ist aber vermittelt (asm) mit unseren intellektuelleren optionen.

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  • Corinne Duc
    Gepostet um 02:07 Uhr, 23. Dezember

    empfehlenswert zu peirasmos vielleicht http://biblehub.com/greek/3986.htm (lat. peius dagegen kommt von fusswärts).

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    • Corinne Duc
      Gepostet um 13:42 Uhr, 03. Januar

      wobei ich damit gar nicht behaupten wollte, dass „pes“ und „peira“ ethymologisch nicht irgendwo verwandt sein könnten – aber das wäre jedenfalls nicht negativ konnotiert (wir können mit dem Fuss neuen Raum begehen, ertasten, erproben, abschreiten…)

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