Wir müssen reden!

Die Ausstellung „Noch mal leben vor dem Tod“ in Zürich lädt dazu ein, Sterbenden und Toten nahe zu kommen und selbst über das Sterben zu sprechen.

Ich war da, zwei Stunden als Seelsorgepräsenz dieser Ausstellung. Zeit, die Porträts zu betrachten. Menschen, kurz vor und noch einmal kurz nach dem Tod, im Grossformat. Beeindruckende weil sehr einfache, direkte, schlichte Aufnahmen von Alten und Jungen, von Greisen und Kindern. Es hat mir gefallen, ihnen entgegen zu treten und sie kennen zu lernen. Neben den Bildern sind kleine Texte angebracht, die etwas von diesen Menschen erzählten. Davon, wie alt sie waren, wie sie mit Krankheit und Tod umgingen, wie andere mit ihnen umgingen in ihrer letzten Lebensphase.

Es war friedlich mit und bei den Toten. Menschen kamen und gingen, sahen dieselben Menschen wie ich. Sie brauchten mich nicht. Der Tod, die Toten haben diese Halle und diesen Tag still gemacht. Draussen rauschte der Fluss vorbei.

Eine gute Erfahrung. Erst danach bin ich nachdenklich geworden. Sich aktiv mit der Endlichkeit auseinandersetzen, nachdenken über „erfülltes Leben“ und über die Wünsche und Bedürfnisse sprechen, die am Ende des eigenen Lebens bleiben: alles gute Absichten. Die Ausstellung tut ihr Bestes, um dazu beizutragen. Nur – sie zeigte einen Tod, der ganz selten vorkommt. Sie zeigt Menschen, die in Hospizen sterben; Menschen, die eingewilligt haben, zu ihrem Tod befragt zu werden; Menschen, die sich mit ihrem Tod beschäftigten. Als Seelsorgerin im Spital, die ich lange war, sind mir viele ganz andere Tode und Tote begegnet, die bis zur letzten Sekunde sich wehrten gegen das, was geschah.

Der Liebste davon war mir ein Bauer, der so krank in unser Spital kam, dass der Arzt nach der Visite mir zuraunte: Ich weiss gar nicht, wie er noch leben kann. Als ich ihn besuchte, sass er nicht, er stand am Bettrand, seine Frau stützte ihn und er sagte sofort und deutlich zu Anfang: Frau Pfarrer, ich kann mich nicht hier hinlegen, wenn ich mich hinlege, sterbe ich. Er ging den ganzen Nachmittag in seinem Zimmer auf und ab, wir anderen mit ihm  –  angestrengt, halb geduldig ihn stützend. Am Abend, erst am Abend, sank er völlig erschöpft auf sein Bett  – und starb. Er hat nicht geredet über sein Sterben. Er hatte nur ein Bedürfnis, dem Tod zu entkommen. Und er wollte seine Würde behalten, ohne Reden, in seinem Tun.

Was mir an diesen Menschen, die ich kannte, in ihrem Sterben wichtig wurde: Das Sterben ist ein Prozess, so individuell wie wir Menschen. Es ist eine zweite Geburt. Seltsamkeiten, die Menschen haben, sie werden in dieser Zeit noch einmal besonders deutlich. Keiner stirbt richtiger als der andere, keine besser als die andere. Die einen machen reinen Tisch, die anderen wollen viel lieber im Streit bleiben.

Aber egal wie individuell – die allermeisten sind sich im Sterben selbst fremd und überraschen sich selbst in diesem Prozess. Es geschieht uns ja als Widerfahrnis, dass wir unser Leben verlieren. Wir sind dem völlig ausgeliefert. Vor allem mit dem Leib. Das konsequent gedacht heisst darum auch: Ich kann nur sehr bedingt wissen, wie mein Sterben wird und was ich zu meinem Sterben brauche. Es braucht vielmehr, dass andere meine Würde mit mir zusammen verteidigen und aufrechterhalten, wenn der Tod kommt. Wer wird das sein? Darüber rechtzeitig zu reden, scheint mir sehr wichtig.

Wir müssen darum reden – über den Unterschied von Wille und Würde, einer Würde, die ich am Ende wahrscheinlich vor allem deshalb habe, weil andere sie mir ermöglichen.

Das ist für mich gute Sterbevorbereitung.

 

Ausstellung zum Thema:

Noch mal leben vor dem Tod.
Eine Ausstellung über das Sterben
vom 8. Oktober bis 18. November 2016 in der Limmat Hall Zürich
Fotos von Walter Schels und Texte von Beate Lakotta
Zur Webseite der Ausstellung

 

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4 Kommentare
  • Anita Ochsner
    Gepostet um 11:58 Uhr, 16. November

    Liebe Brigitte danke für diesen wertvollen Beitrag zu diesem Thema Sterben und Sterbeprozess. „Darüber rechtzeitig reden.“ Da fragte ich mich schon, als Pflegefachfrau, wann wäre rechtzeitig gewesen?! Darin liegt die Erfahrung oder Erkenntnis, dass wir/ich nicht, zu wenig? zu spät darüber gesprochen haben, dies ansprechen, konnten. Aus vielerlei Gründen die sich dazu finden lassen, oder meinten diese Gründe hätten bestanden. Oder bestehen.
    Will jemand, Klienten, Angehörige oder der Sterbende selbst darüber reden? Patientenverfügungen machen es gleichsam möglich. Manches Mal sind es Zeichen, aus einem Moment heraus, diese zu erkennen, wahrzunehmen und dann aufzunehmen in diesem Moment, innehalten und hören, miteinander darüber sprechen, gelingt manchmal, manchmal verpasst? Wie ein Fenster das aufgeht und sich wieder schliesst.
    Rechtzeitig ist wohl, bereits viel früher. Heute darüber zu sprechen. Wenn einmal der Anfang Anstoss gemacht ist, kann es mit Abständen, ein „Verlaufsgespräch“ werden. Immer mal wieder, eben weil der Tot, das Sterben zum Leben gehört. In Pflegetheorien werden 12 (bis 13) „Aktivitäten des Lebens“ beschrieben, darunter auch „Sterben“, als ein äusserst aktiver Prozess beschrieben (und so erfahre ich es auch). Deinen Worten und Erfahrungen möchte ich einfach ganz zustimmen. Sterben ist immer individuell, ganz eigen, und in jedem Fall jenseits von „richtiger als..“ , „besser als …“. Nicht hier beim Sterben gelten diese „Gesetze“.
    Der Wille eines Sterbenden zu erfüllen, darin allein ist noch nicht die Würde erhalten, darin liegt mehr… im Ausgeliefertsein, in dem was geschieht und indem was ein Mensch beim Sterben wahrnehmen, erleben mag, so ganz verschieden.

    Vielleicht dazu den Hinweis zum Buch von Monika Renz, Dr. phil, Dr. theol., Musik- und Psychotherapeutin FSP: „Hinübergehen, Was beim Sterben geschieht“ im Umschlag: „Zu erkennen, was Sterbende wahrnehmen und fühlen, hilft auch den Angehörigen … “
    Durch die Ausstellung darüber reden, durch dieses Buch darüber reden? Können. Oder ganz einfach, weil das Sterben zum Leben gehört. Das Thema aufnehmen.
    Gute Zeit. :- )

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    • Anonymous
      Gepostet um 19:55 Uhr, 16. November

      Liebe Anita, mir gefällt gut, was du beschreibst, es ist sehr nahe an dem, was ich auch als Not kenne, als Not derer, die überleben werden „wann sollen wir reden“: Aber anderseits denke ich dann: wäre es nicht gut, wir würden reden über „was ist dir wichtig?“ „Was möchtest du nicht erleben, wenn es schlechter wird mir dir?“ das ist ja ein Teil dessen, was Menschenwürde ausmacht.
      Und manchmal hilft, so naiv das klingt, jemanden fest gern haben in seiner Fremdheit und spüren, was dieser Mensch für seine Würde braucht. Das können gerade Pflegende oft viel besser als Angehörige, die ja schon mehr mit diesen Menschen erlebt haben. Dir auch eine gute Zeit 🙂

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      • Anita Ochsner
        Gepostet um 01:04 Uhr, 22. November

        Hallo Autorin ,- ) liebe Brigitte

        Das konnte passieren bei uns in der Familie, wie auch schon nur dieses Mal durch diesen Beitrag! :- ) (Übrigens der eine oder andere fand schon in unsere Familiengespräche, Themen die sonst nicht, oder kaum ein Thema sind :- ) )

        Ich meine schon, wenn wir über das Sterben sprechen (oder Sterbende begleiten), geht es nicht ohne, dass man selbst über das eigene Sterben nachdenkt und darüber spricht. Über die eigene Bedürfnisse, Wünsche auch von Therapiemöglichkeiten die ausserhalb der rein medizinischen Möglichkeiten liegen. In Patientenverfügungen begegnete mir das bis heute nie. Es scheint mir Menschen denken nicht daran. Oder sie wissen nicht, oder meinen es sei unwichtig? Es geht vorwiegend darum Keine Schmerzen zu haben, keine Lebensverlängernde Massnahmen treffen. diese Dinge werden vermerkt. Das ist ja wichtig. Nur, dass es weitere Möglichkeiten gibt, nebst dem was ich als Pflegende tun kann – mit Zeit! -, zur Linderung, durch den Sterbeprozess zu helfen, und davor, das bleibt aussen vor. Ich wünsche mir, dass auch darüber viel mehr gesprochen wird. Denn zu oft, meine ich, werden sie als „nicht angepasst“ oder „unnütz“ abgetan. Dass nicht jeder Mensch auf die eine oder andere Begleittherapie anspricht, oder diese überhaupt in Anspruch nehmen möchte, ist klar. Aber manches Mal, wäre es ein versuch wert. Aus dieser Aussage spricht meine eigene Ohnmacht, wenn ich nach einem Betäubungsmittel greifen muss, und meine es könnte auch eine andere Massnahme, vielleicht hilfreicher, unterstützend durch die Krise führen. Vielleicht das ganze Sterben verändern, erleichtern. Oder ist das eine Hoffnung? Meine eigene? Darin liegt für mich die Frage. wie kommen Institutionen zu solchen / weiteren Angeboten? Ausserhalb des Spitals.
        In unserem Kantonsspital wird musiktherapeutische Begleitung angeboten, ich möchte das für mich in Anspruch nehmen – können- und seelsorgerische Begleitung, nebst Betäubungs- und Schmerzmitteln. Nicht Betäubungsmittel allein zur Linderung von Schmerzen Unwohlsein, Ängsten, Unruhe möchte ich haben, erleben. Dann, wenn ich nicht mehr sprechen kann. Und davor, wenn ich noch reden, mich mitteilen kann.
        Auch möchte ich, dass meine Familie weiss, dass sie Fremde hin zu ziehen dürfen. Z. B. freiwillige einer Sterbebegleitgruppe.
        Es macht es einfacher hilfreicher, wenn Angehörige oder Fachleute wissen ob Fremde hinzu gezogen werden dürfen oder nicht, wenn dies von der Betroffenen Person gesagt wurde.
        Und als Pflegende, wie du sagst, „in seiner Fremdheit jemanden fest gern haben.“ Daraus erspüren, was Jemand hier jetzt braucht und darauf vertrauen, dass es das richtige ist. Mit aller Nähe und Distanz.
        Es kam mir auch schon so, als ob die ganze Würde einer Person aufsteigt, sie zeigen uns ihre Würde.

        Danke Dir für deinen Beitrag. Der Anstoss, dass ich jetzt endlich eine Antwort schreibe. Gab mir heute den Hinweis zum Vortrag von Prof. Andreas Heller „Umsonstigkeit – Raum der Sorge“. (Spiritual Care / Palliativ Care. 1. Dez., Hirschengraben 50, 19.30 Uhr.)

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  • Anonymous
    Gepostet um 19:55 Uhr, 16. November

    Also, jetzt bin ich auch in die Anonymousfalle getappt, ich bin das, die Autorin, die hier schreibt 🙂

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