Streit um die «Ehe für alle» – zur kirchlichen Diskurskultur

Diese Woche war ich mit meinem Bereich Theologie in der Retraite im schönen Emmental. Die Beschaulichkeit wurde allerdings gestört durch die aktuellen Nachrichten zur kirchlichen Diskussion rund um das Thema „Ehe für alle“. Kein Wunder, waren auch unsere Gespräche davon bestimmt. Die folgenden Zeilen geben nicht nur meine Auffassungen wieder, sondern auch die meiner Kolleginnen und Kollegen.

 

Verwerfungen hüben und drüben

Im Vorfeld der Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) Anfang November hat sich die Debatte um die Ehe bzw. die kirchliche Trauung für alle massiv verschärft. Auf die Anträge des Rates SEK, die den Mitgliedskirchen bei der Traupraxis eine vollständige Gleichberechtigung gleich- und gegengeschlechtlicher Paare empfiehlt, ist unter dem Titel «Habt ihr nicht gelesen…?» eine sehr kritische Erklärung publiziert worden. Darin wird als christliches Eheverständnis ausschliesslich dasjenige einer Gemeinschaft zwischen Mann und Frau bezeichnet. Eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare bedeute deshalb einen «Missbrauch des Namens Gottes», mit welchem faktisch «der Boden der christlichen Theologie verlassen» werde. Die Unterzeichnenden, so das Fazit, würden deshalb für Segnungen dieser Art «in aller Demut nicht zur Verfügung stehen». Die Erklärung ist von zahlreichen Pfarrerinnen und Pfarrern unterzeichnet worden.

Wenig später ist auf die Schrift «Habt ihr nicht gelesen…?» eine Replik erschienen, betitelt mit «Die Liebe hat den langen Atem». Der Text erinnert daran, dass menschliches Erkennen nach 1. Korinther 13,9 immer Stückwerk bleibt und weder Interpretationen der Bibel noch theologische Positionen verabsolutiert werden dürfen. Die Bibeltreue, so die Autorinnen und Autoren, dürfe nicht von einer Seite exklusiv beansprucht werden. Diese Sicht wird nicht weniger pointiert vorgetragen: Sie wird zugespitzt in drei Sätzen, die je mit der Wendung «Wir verwerfen deshalb jede falsche Lehre…» einsetzen, die an die Barmer Theologische Erklärung aus der Zeit des Dritten Reiches anknüpft. Auch unter diesen Text haben viele Pfarrkolleginnen und -kollegen ihre Unterschrift gesetzt.

 

Keine Differenzen vernebeln

Eine solche Diskussionskultur macht mir Sorgen. Auf beiden Seiten werden Sprachformen in Anspruch genommen, die eine Bekenntnissituation (status confessionis) signalisieren, die keine Kompromisse und keine Verständigung mehr zulässt. Vertreterinnen und Vertreter von Positionen, die den Boden der Bibel verlassen haben oder deren Sichtweise verworfen werden muss, sind keines Diskurses mehr würdig. Anathematisierungen hüben und drüben. Beide Papiere vertiefen damit Gräben und drohen eine Spaltung in der Kirche zu befeuern.

Um es klar zu sagen: Ich bin der Auffassung, dass man den biblischen Texten nur gerecht wird, wenn man bei der Interpretation ihr Eingebundensein in bestimmte historische Kontexte berücksichtigt. Ausserdem ist mir wichtig, dass das Gesamt­zeug­nis der Bibel, wie es uns am klarsten in Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi entgegenkommt, ein göttliches Ja zu verbindlichen Liebesgemeinschaften zwischen zwei Menschen impliziert. Schliesslich bin ich überzeugt, dass menschliche Vergemeinschaf­tungs­formen keinen Bekenntnisfall darstellen, sondern in den Bereich ethischen Urteilens und Ermessens gehören. Aus diesen Gründen bejahe ich die Zustimmung der Kirchen zur zivilrechtlichen Ehe für alle sowie die Empfehlung des SEK einer kirchlichen Trauung auch für gleichgeschlechtliche Paare.

Damit ist auch gesagt, dass es nicht darum gehen kann, klare Positionen zu verwischen und Differenzen herunterzuspielen. Ich plädiere aber für eine Mässigung im Ton. Es sei daran erinnert, dass mit der Einheit der Kirche auch ihre Glaubwürdigkeit in der Welt in Frage steht (vgl. Joh. 17,21). Und daran, dass die Kirche nicht nur der Wahrheit, sondern auch der Liebe verpflichtet ist. Uns allen steht vor Augen, welches Sprengpotential Fragen von Ehe und Homosexualität in den Kirchen der Welt haben.

 

Als Getrennte beisammen bleiben

Die oft gepriesene innere Vielfalt der reformierten Kirchen erweist sich in diesen Wochen als anspruchsvolles, ja schmerzhaftes Projekt. Auch ich bin mir bewusst, dass in den Fragen von Ehe und Trauung für alle in den Kirchen Entscheidungen gefällt werden müssen. Ich halte aber dafür, dass dies nicht ohne sorgfältige Gesprächsprozesse, in welchen alle Seiten Gehör erhalten, geschehen darf. Solche Prozesse haben nur da Aussicht auf Erfolg, wo alle Beteiligten ernsthaft zu verstehen versuchen, was für jene, die andere Auffassungen vertreten, auf dem Spiel steht. Das Bemühen, die Bibel nach bestem Wissen und Gewissen zu verstehen, müssen wir auch jenen zugestehen, die dies methodisch anders als wir tun und die zu anderen Schlüssen kommen. Wo wir einander die Treue zur Bibel streitig machen, sprechen wir uns gegenseitig das Christsein ab.

Das Eingeständnis zum Stückwerkcharakter menschlicher Erkenntnis und zum Geist Gottes, der uns immer tiefer in die Wahrheit führt, kann uns dazu ermutigen, auch in harten Differenzen beisammen zu bleiben und uns – auch da, wo es schwerfällt – gegenseitig als Jüngerinnen und Jünger Christi zu respektieren. Es gibt Situationen in der Kirche, wo ihr nur diese fragmentarische Form der Einheit gegeben ist. Wo sie die Spannung aber aushält, kann sie auch die Hoffnung auf neue Gemeinschaft haben.

 

Weitere Beiträge zum Thema «Ehe für alle»:

In der Liebe vorangehen von Rhea Dübendorfer, 5.11.2019

Nid drunger, nid drüber: drnäbä! von Andreas Kessler, 

Ehe für alle – ein Zwischenruf von Bernd Berger, 

Habt ihr nicht gelesen… Ehe für alle? von Stephan Jütte, 

Rückwärts Marsch von Michel Müller, 

Ehe für alle – Biblische Perspektiven von Bernd Berger, 

Ja, ich will! von Brigitte Hauser, 2.8.2019

Ach Kirche, halt die Klappe! von Stephan Jütte, 17.6.2019

Streitfrage «Ehe für alle» und die Bibel von Stephan Jütte, 5.3.2019

Die Meinung des Autors in diesem Beitrag entspricht nicht in jedem Fall der Meinung der Landeskirche.

Blog abonnieren     Alle Beiträge ansehen    

Diesen Beitrag fand ich...
  • wichtig (81)
  • inspirierend (28)
  • fundiert (28)
  • frech (0)
  • berührend (1)
  • langweilig (6)
  • falsch (6)
  • schlecht (9)
  • lustig (0)
22 Kommentare
  • Matthijs van Zwieten de Blom
    Gepostet um 19:46 Uhr, 01. November

    Danke, Matthias Zeindler.
    Die “Mässigung des Tons”, die du anmahnst, tut vielleicht not, aber es ist kaum zu vermeiden, dass da, wo es tatsächlich zu echten Gesprächen kommt, die Emotionen hochkochen. Es muss gestritten werden. Aber tatsächlich schon gerne so, dass man immer nachher noch ein gemeinsames Bier (oder je nach Geschmack auch ein gemeinsames Münzetee) geniessen kann.

    14

    4
    Antworten
    • Matthias Zeindler
      Gepostet um 20:06 Uhr, 01. November

      Lieber Matthijs
      Geschenkt, ohne Emotionen geht es nicht. Im Moment würde es darum gehen, die Spielräume zwischen den Extremen fauler Friede und Anathematisierung auszuloten. Davon lebt die reformierte Diskurskultur. Dafür ist die anschliessende Bier kein schlechtes Kriterium – wenn ein Rosé auch möglich ist. Das gehört auch zur Vielfalt der Reformierten.

      12

      5
      Antworten
    • THOMAS GROSSENBACHER
      Gepostet um 08:12 Uhr, 02. November

      Richtig, Gespräch. Aber oft war das keines. Manifeste, Aufrufe, Rechthaberei punkte Bibelverständnis. Das verlassen wir das Terrain guter Gsprächskultur, Ber oder Rosé hin oder her.

      2

      1
      Antworten
  • Marcel
    Gepostet um 20:30 Uhr, 01. November

    Um es klar zu sagen: In dem Positionspapier Mt194 wird eine biblisch-theologische Position zur Sachfrage formuliert. Es wird die Bereitschaft zu einem theologischen Diskurs in Verantwortung vor dem biblischen Gesamtzeugnis in dieser Sache signalisiert und zur Auseinandersetzung eingeladen. Wenn Sie der Meinung sind, dass die Ehe für Alle aus Leben, Sterben und Auferstehung Jesu Christi resultiert, dann ist das zunächst eine interessante These bzw. ein Bekenntnissatz Ihrerseits, aber noch keine theologisch-biblische Begründung Ihrer Position. Sie macht eine solche vielmehr erforderlich. Des weiteren erschliesst sich mir in keinster Weise, inwiefern es notwendig ist, dass die Landeskirchen auf nationaler oder kantonaler Ebene in dieser Frage zu einer eindeutigen Entscheidung finden müssen. Wenn es etwas gibt, dass die letzten Tage gezeigt haben, dann ist es doch die Tatsache, dass die Voraussetzungen für eine solche eindeutige Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal im Ansatz gegeben sind. Weder die biblisch-theologischen Fragen im Zusammenhang mit der Sachfrage sind diskutiert worden, noch die güterethischen und gesellschaftlichen Implikationen und Problemzusammenhänge einer Einführung der Ehe für Alle. Das soll heissen: Turbo-Gang ausschalten und stattdessen in biblisch, theologisch und ethisch geführte Diskursbildung einsteigen! Daran ob wir dazu fähig sind wird sich die von Ihnen angemahnte Sorge um die Einheit der Kirche und ihre Glaubwürdigkeit in der Welt, die ich vollumfänglich teile, entscheiden.

    20

    4
    Antworten
    • Corinne Duc
      Gepostet um 22:45 Uhr, 01. November

      Das Problem liegt m.E. auch darin, dass diese Streiter gegen „Ehe für Alle“ keine Argumente haben, die für kritischere Geister als wohlbegründet verstanden werden könnten.
      In Mt. 19,3 beispielsweise geht es um die Frage der Pharisäer, ob es einem Mann erlaubt sei sein Weib aus der Ehe zu entlassen (apolusai, abzulösen). Der Punkt ist: (Auch) die Frau – oder erst recht sie – wurde durch Heirat aus ihrem sozialen Kontext in einen anderen versetzt. Wurde sie aus diesem neuen Kontext (der Ehe) herausgelöst, war sie meist wirtschaftlich in prekären Verhältnissen, sozial isoliert oder höchst abhängig, womöglich auch verachtet und auf vielfältige Weise diskriminiert.
      Worum es hier also geht: Um die Hartherzigkeit, einem Menschen so etwas anzutun (zumal wenn es nur ist weil einem das Weib nicht mehr so gut gefällt).
      Unnötig darauf hinzuweisen dass heute in unserer Gesellschaft Frauen zum Glück nicht mehr heiraten müssen; und wenn sie heiraten wollen wird auch eine allfällige Scheidung erstens im gegenseitigen Einverständnis erfolgen; zweitens werden (im Fall dass Kinder involviert sind) Alimente festgelegt, und mittellose Menschen werden vom Staat zusätzlich unterstützt.

      Die Geschichte erhält ihre Aktualität nicht daraus, dass Heiraten und Scheiden noch immer die gleichen historischen Kontexte voraussetzen wie in «biblischen Zeiten». Sondern durch die Kritik an der Hartherzigkeit von Menschen – und diese zeigt sich eben unabhängig vom historischen Kontext. Zum Beispiel bis in die heutige Zeit auch darin, dass homosexuelle Menschen diskriminiert werden.
      Auch dass in der Schöpfungsgeschichte (nur) von Mann und Frau die Rede ist, bedeutet keineswegs dass Menschen, die nicht genau in dieses binäre Schema passen, weniger Wert seien – oder nicht existieren würden. Eine m.E. jedenfalls viel sympathischere Interpretation wäre, dass damit auch den patriarchalsten und den Traditionalisten klar gemacht werden sollte, dass Frauen ebenso Menschenwürde zukommt wie Männern; dass es also auf das Geschlecht nicht ankommt – und daher auch alle Ausprägungen dazwischen genauso wertvoll sind.
      Wenn also gelegentlich die Ehe zwischen Mann und Frau im Neuen Testament auch als Metapher für die Beziehung zwischen Christus und Kirche oder Gemeinde verwendet wird, wäre das unter dem Aspekt von christlicher Liebe in unserer Zeit ebenso analog auf andere Eheformen übertragbar. (Wem es um absolute hierarchische Subordinationsverhältnisse geht dürfte dies zwar mehr Schwierigkeiten bereiten – doch was hätte solche Machtorientierung mit der Idee von christlicher Nächsten- und Gottesliebe zu tun?)

      Damit will ich keineswegs behaupten, was in der Bibel müsse unfehlbar sein. Sondern: Was wir aus diesen Texten machen, liegt in unserer Verantwortung. Diese Haltung gehört m.E. zum Reformiert-Sein.

      4

      4
      Antworten
      • michael vogt
        Gepostet um 01:00 Uhr, 02. November

        alle, die die ähnlichkeit der beziehung zwischen christus und der kirche und den ehepartner*innen verstanden haben, oder eine analogie dieser analogie, sollen ruhig heiraten; denn dann brauche ich nicht zu befürchten, dass ihre ehe auf kosten anderer geht. gebe ich Die Liebe hat den langen Atem in meine suchmaschine ein, finde ich nach wie vor nur bücher. das habe ich noch nie erlebt, dass etwas linklos diskutiert wird. Habt ihr nicht gelesen. . . ? konnte ich vor einigen tagen wenigstens mit der maschine finden. in rm 14.4 (hier bis auf „der herr“ entpatriarchalisiert) ruft paulus dazu auf, andere nicht zu richten, „denn der herr vermag sie aufrechtzuhalten.“ im „salon um sechs“ sagt ulrich körtner, die kirche sollte sich nicht darauf beschrändken, eine „moralagentur“ zu sein. die unterscheidung von gut und böse sei eine folge des sündenfalls. „einen augenblick von ja und nein, und dein leben ist verloren“, mumon, glaube ich, hat das gesagt. gottfried locher sagte in einem interview zum konflikt, er würde gerne möglichst bald das thema wieder verlassen und sich dem gedanken an die zukunft einer „gemeinsamen auferstehung“ widmen (und dann „im licht der auferstehung“ sozusagen ins diesseits der diskussionen zurückkehren, nehme ich an). karl barth, der gefeierte, hat auch immer wieder darauf hingewiesen, dass wir das heil nicht selbst zu produzieren brauchen. in welcher sprache wir diesen indikativ auch immer formulieren, ich nehme an dass so der imperativ der gegenseitigen anerkenneung trotz unter umständen gegensätzlicher überzeugung sich realisieren kann.
        https://lifechannel.ch/menschen/portraets/gespraeche/ehe-fuer-alle-verstaendnisfrage-oder-bekenntnisfrage/

        2

        2
        Antworten
  • Michael Wiesmann
    Gepostet um 20:32 Uhr, 01. November

    copy/paste meines kommentars auf facebook (bei der ref. kirche des kantons zürich):

    mit vielem sehr einverstanden. eine anmerkung erlaube ich mir doch als mit-verfasser des manifests „Die Liebe hat den langen Atem.“

    es ist doch inhaltlich leicht verkürzt, davon zu sprechen, dass hüben wie drüben mit dem anathema um sich geworfen wird. was unser manifest nicht akzeptiert (verbatim: verwirft; dazu aber gleich noch etwas) ist nicht eine bestimmte lehre/interpretation – wenigstens nicht dem inhalt nach.

    was die erklärung ablehnt ist ein einseitiger, vereinnahmender, ausgrenzender wahrheitsanspruch dieser oder jener lehre. denn ein solcher anspruch – egal wer diesen warum vertritt – bedeutet nicht weniger als einen direkten angriff auf das fundament eines pluralistische miteinanders im dialog.

    das ist kein anathema. sondern eigentlich sollte das die natürliche grenze eines respektvollen miteinanders sein: dass man, egal wie recht man zu haben meint, dem anderen nicht seine (theologische)redlichkeit und seinen glauben abspricht.

    und zum barmen-stil: das war meine höchstpersönliche unmittelbare reaktion darauf, dass die schrift aus bauma faktisch den bekenntnis-notstand in den schweizerischen reformierten kirchen ausgerufen hat. so nach dem motto: „alle anderen machen sowieso nur noch, was sie wollen“

    dass dem nicht so ist, haben die rückmeldungen auf die erklärung „Die Liebe hat den langen Atem“ deutlich gezeigt. übrigens waren nicht alle unterzeichner*innen mit jeder nuance der fomulierungen glücklich – aber die stossrichtung, die botschaft dahinter hat dennoch überzeugt:

    keine partikulare lehre darf einen alleingültigkeitsanpsruch vertreten und damit anders denkende, glaubende, fühlende, liebende, etc. ausgegrenzt werden. das hat in unserer kirche so keinen platz. nicht die meinung an sich – aber die ausgrenzung, die sich dieser bedient.

    11

    16
    Antworten
    • Anonymous
      Gepostet um 23:09 Uhr, 01. November

      „was die erklärung ablehnt ist ein einseitiger, vereinnahmender, ausgrenzender wahrheitsanspruch dieser oder jener lehre. denn ein solcher anspruch – egal wer diesen warum vertritt – bedeutet nicht weniger als einen direkten angriff auf das fundament eines pluralistische miteinanders im dialog.“

      Dann müssten Sie ja den Verfassern der Erklärung mt194 dankbar sein. Sie haben den einseitigen, vereinnahmenden und ausgrenzenden Wahrheitsanspruch von Gottfried Locher („Homosexualität entspricht dem Schöpfungswillen Gottes. Man kann nicht lavieren und sagen, man könne das verschieden sehen“), der ein Angriff auf das Fundament eines pluralistischen Miteinanders im Dialog war, zurückgewiesen und gezeigt, dass man es in der Reformierten Kirche auch in dieser Frage verschieden sehen kann.

      14

      7
      Antworten
      • Bernd Berger
        Gepostet um 09:38 Uhr, 02. November

        Verstehe ich das richtig: die Feststellung von Gottfried Locher, dass Homosexuelle nicht vom positiven Schöpfungswillen Gottes ausgeschlossen werden dürfen, soll ausgrenzend sein? Man müsse da erst noch diskutieren?
        Das könne man verschieden sehen? Könnten wir uns nicht wenigstens bei diesem Minimalkonsens des guten Schöpfungswillens Gottes treffen und dann diskutieren, wie einzelne biblische Aussagen zu verstehen sind und welche Folgen für unser konkretes Handeln angemessen sind?

        1

        5
        Antworten
        • Anonymous
          Gepostet um 13:37 Uhr, 03. November

          Ausgrenzend und alarmierend war die Aussage, dass man das nicht verschieden sehen kann. Gottfried Locher schliesst mit dem Statement: „Homosexualität (nicht „Homosexuelle Menschen“!) entspricht dem Schöpfungswillen Gottes“ von der heutigen Natur(gegebenheit) zurück auf die Schöpfung. Dieser Rückschluss muss zumindest unter Theologen diskutiert werden können. Ich glaube auch nicht, dass das Ozonloch, ein Geburtsgebrechen oder die Tatsache, dass die einen Tiere die anderen fressen, dem Schöpfungswillen Gottes entspricht. Da lehrt mich die Bibel nämlich anderes. Wobei ich Homosexualität nicht mit dem Ozonloch vergleichen will! Ich meine nur: Man darf nicht automatisch den Schluss ziehen, dass alles, was wir heute in der Natur erleben, per se gut ist und dem ursprünglichen Schöpfungswillen Gottes entspricht. Sonst können wir die theologischen Loci „De Homine“ und „De peccato“ gleich aus der Dogmatik verbannen.

          6

          0
          Antworten
          • michael vogt
            Gepostet um 07:50 Uhr, 04. November

            die schrift lehrt beides: dass alles von gott kommt und dass wir fehler machen, was zusammen ergibt, dass der, welcher alles macht, uns vorwirft, wir hätten etwas falsch gemacht. das will uns, nehme ich an, motivieren, was uns beschrieben wird, selbst zu sehen.

            0

            1
        • Anonymous
          Gepostet um 13:51 Uhr, 03. November

          Selbstverständlich sind wir uns einig, dass Homosexuelle nicht vom positiven Schöpfungswillen Gottes augeschlossen sind, so wie überhaupt kein Mensch vom positiven Schöpfungswillen Gottes ausgeschlossen ist. Doch das ist nicht das, was Gottfried Locher gesagt hat. Er hat von Homosexualität gesprochen, nicht von Homosexuellen.

          Man mag der Meinung sein, dass die homosexuelle Veranlagung prälapsarisch zum Schöpfungswillen Gottes gehört und unter das Urteil von Gen 1,31 fällt („siehe, es war sehr gut“). Paulus sieht das bekanntlich anders (Röm 1,26-27). Nun mag es Gründe geben, die Aussagen von Paulus zu relativieren. Aber selbst dann ist noch nicht klar, woher man Einblick in den Schöpfungswillen Gottes hat und aus einem Gottesstandpunkt heraus formulieren kann, welche menschlichen Veranlagungen und Konditionen dem prälapsarischen Schöpfungswillen Gottes entsprechen, welche hingegen Zeichen des postlapsarischen Zustandes der Schöpfung sind. Dafür braucht es eine theologische Auseinandersetzung und Begründung. Wenn man einfach sagt: „Ich vertrete den Gottesstandpunkt und man kann es nicht verschieden sehen“, dann schliesst man all diejenigen aus (und spricht ihnen letztlich ihre Daseinsberechtigung in der Reformierten Kirche ab), denen dieser Gottesstandpunkt nicht unmittelbar einleuchtet.

          8

          1
          Antworten
      • michael vogt
        Gepostet um 01:10 Uhr, 04. November

        Sie werden es dem coincidentiologen nicht verargen, wenn er versucht, beides zusammenzusehen. meine these ist, dass homosexualität einerseits das resultat einer gesamtgesellschaftlichen verdrängung ist. paulus sagt, so verstehe ich ihn, dass wir, insofern wir sünder sind, die wahrheit in uns niederhalten und totschlagen. aus dieser, modern gesagt, verdrängung, geht neben vielem andern die homosexuelle orientierung hervor. warum entspricht sie nun trotzdem dem schöpfungswillen? weil sie den gesamtgesellschaftlichen verdrängungsprozess durch nicht-vermehrung stoppt. heterosexualität ist von vergleichbarer ambivalenz: einerseits nicht resultat der genannten verdrängung, andererseits verbreitet sie diese. nicht vergessen sollte man, das die homosexualität aus der heterosexualität hervorgeht. paulus erhebt, wenn ich recht sehe, nicht den anspruch, alles zum thema sexueller orientierungen gesagt zu haben. ich hoffe, dass aus meiner ausführung, auch wenn es eine art bodenwelle auszuhalten gibt, die anerkennung homosexueller menschen und ihrer sexuellen orientierung hervorgeht.

        0

        0
        Antworten
    • Matthias Zeindler
      Gepostet um 09:54 Uhr, 02. November

      Lieber Michael

      Inhaltlich völlig einverstanden. Trotzdem: Wer Barmen zitiert, muss wissen, was er/sie tut. Barmen hat mit seinen Verwerfungssätzen nicht bloss eine andere Meinung abgelehnt, auch nicht eine bestimmte Haltung, es hat vielmehr eine bestimmte Position – die der Deutschen Christen – als Häresie gekennzeichnet. Und Häresie, das weisst du, heisst: eine unevangelische Lehre, durch welche das Kirchesein der Kirche akut gefährdet ist. Und genau das ist das Anathema: nicht Intoleranz, sondern die Abwehr dessen, was die Grundlagen der Kirche bedroht.

      Meint Ihr das? Dann habt Ihr Barmen mit Recht zitiert, aber damit wäre mein mulmiges Gefühl bestätigt. Meint Ihr es nicht? Dann wäre es besser gewesen, auf das Zitat zu verzichten.

      Die Verwerfungssätze der Barmer Erklärung ergingen in einer Situation, die wir heute alle als akute Bedrohung der Kirche erkennen. Anders in der Reformationszeit und danach, wo die Täufer mit Verwerfungssätzen belegt wurden. Mit den bekannten schlimmen Folgen. Ich glaube nicht, dass jemand von uns in diese Zeit zurückmöchte. Dann sollten wir aber auch nicht ihre Sprache verwenden.

      4

      1
      Antworten
      • Brigitte Hauser
        Gepostet um 10:14 Uhr, 03. November

        @ Herr Zeindler. Ich finde es ein ermutigendes Zeichen, dass im Moment 400 Pfarrpersonen aus der ganzen Schweiz, Einspruch erheben, gegen Aussagen wie, homosexuelle Paare seien von Gottes Segen auszuschliessen oder Homosexuelle entsprächen nicht dem Schöpfungswillen Gottes. Die Liebe hat den langen Atem ist eine Bewegung, ein , kirchliches Stonewall. Es geht um das Zeichen, die Stossrichtung und nicht um einzelne Formulierungen. Wenn Sie es so nicht unterschreiben können, kann ich das verstehen. Aber eine metakritische Debatte deswegen finde ich schade.

        1

        10
        Antworten
  • Chris
    Gepostet um 21:29 Uhr, 01. November

    Ein Anathema kann ich in „Habt ihr nicht gelesen…?“ nirgends finden. Es wird dagegen der Wunsch nach einem offenen Diskurs geäussert und die eigene Position (ziemlich deutlich) definiert. Die Erklärung „Die Liebe hat einen langen Atem“ äussert ein Anathema. Allerdings wäre ohne den Untertitel der Erklärung gar nicht klar, dass es eine Replik auf eine andere Erklärung ist. Die Formulierungen sind derart allgemein, dass sie – vielleicht ausser dem zweitletzten Satz – praktisch jeder an dieser Diskussion Beteiligte unterschreiben kann. Darum ist die Zahl der Unterschriften auch nicht weiter erstaunlich.
    Zu beachten ist, dass auch noch weitere Papiere im Umlauf sind – das Manifest bleu aus dem Welschland, die Erklärung des Evangelischen Pfarrvereins… Als Abgeordneter des SEK würde mir davor grauen, all diese Papiere und Unterschriften durchzulesen… Insgesamt sind das ja um die 400 Pfarrerinnen und Pfarrer… Und manche bilden sich wohl noch ein, ein privates Schreiben abzusenden… Kann so entschieden werden? Ein Teil der Abgeordneten sind keine Theologen… Was sollen sie mit diesen Erklärungen anfangen?
    In der Alten Kirche machte man jeweils ein Konzil. Das wäre doch auch mal was für uns.

    17

    3
    Antworten
    • Anonymous
      Gepostet um 22:48 Uhr, 01. November

      Die Abgeordneten müssen ja gar nicht alles lesen. Es reicht, wenn sie feststellen, dass kein Magnus Consensus in Sicht ist und dass es deshalb nicht weise wäre, jetzt eine überhastete Entscheidung zu fällen, wo ja gar keine Notwendigkeit zur Eile besteht.

      16

      3
      Antworten
  • Marcel
    Gepostet um 22:18 Uhr, 01. November

    Ein super Kommentar Chris!

    5

    3
    Antworten
  • THOMAS GROSSENBACHER
    Gepostet um 09:06 Uhr, 02. November

    Als ehemalige Abgeordneter bin ich zuversichtlich, dass der SEK in seiner letzten Versammlung bevor das Gremium dann zum Parlament der EKS wird, einen guten Entscheid treffen wird. Denn da geht es nicht nur um theologische Positionen, auch hoffentlich nicht nur um persönliche Betroffenheit. Es geht vorallem um die Verantwortung der (unserer) Kirche als Gegenüber zur Gesellschaft, zum Staat. Die Aufgabe geht weit darüber hinaus, positionierende, biblische Exegese zum Thema vorzutragen. Darum ist auch von Bedeutung wie das geschieht, – ich meine nicht nur den Ton sondern auch mit welchem Bezug zur Realitiät, in der wir leben und handeln. Darum mit Augenmass und Weitblick, um zu sehen und zur Sprache zu bringen, was jetzt die Mehrheit unserer Gesellschaft unter „Ehe“ versteht. (Das wurde leider auch in der nichtkirchlichen Öffentlichkeit viel zu wenig aufgearbeitet.) Dass „Ehe“ ethymologisch von Ewigkeit inspiriert ist, also ein lebenslängliches Bündnis zu sein verspricht und lange Zeit auch war, ist heute weitgehend Wunschvorestellung und nicht mehr Realität. Provokativ könnte man die heutige Situation als „sequentieller Polygamie“ bezeichnen, die viele Lebensläufe zeichnet.
    Aber das bedeutet doch noch nicht, dass wir uns mit unserem kirchlich-seelsorgerischen Beitrag von dieser Wirklichkeit distanzieren sollten. Gerade, wo die Brüchigkeit und die weniger unter Tabudruck stehende Reflexion über Gelingen und Scheitern von Beziehungen ins Blickfeld kommen, ist es sinnvoll unsere guten Dienste des Zuhörens und des Segnens anzubieten, Evangekisch, Wir tun es also mit Grund und zum Glück trotz deutlich wahrnehmbarer Veränderung der Lebenspraxis in der Gesellschaft, haben es getan bis jetzt unter den Bedigungen staatlich geltender Rechtspraxis, in der der Ehebegriff ausschliesslich dem Bündnis von Mann und Frau vorbehalten war. Das Problem stellt sich also nicht erst jetzt wo die Ehe „für alle“ zur Debatte steht, Es ist schon längst ein ernst zu nehmendes Thema, das nicht erst durch die Genderdebatte würdig wird. Ich wünsche dem Rat und den Abgeordneten eine gute Debatte. Nahe an der Wirklichkeit der Gesellschaft zu Gunsten der Menschen guten Willens, die die Kirche in ihrer seelsorerischen Funktion schätzen und brauchen.

    0

    3
    Antworten
  • Anonymous
    Gepostet um 16:55 Uhr, 02. November

    „Eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare bedeute deshalb einen «Missbrauch des Namens Gottes», mit welchem faktisch «der Boden der christlichen Theologie verlassen» werde.“

    Zur zweiten Satzhälfte eine Anmerkung, da sie die Erklärung m.E. sinnentstellend zitiert. In der Erklärung heisst es:

    „Wo die Grundlage einer solchen Entscheidung nicht die biblischen Schriften sind, wird der Boden der christlichen Theologie verlassen.“

    Es wird also nicht gesagt, dass mit der Entscheidung an sich der Boden der christlichen Theologie verlassen wird, sondern da, wo eine solche Entscheidung nicht mehr auf der Grundlage der biblischen Schriften getroffen wird (à la „es ist ein neuer gesellschaftlicher Konsens, den wir nachvollziehen müssen“ oder „das hat nur Paulus gesagt, nicht Jesus, also können wir es aussen vor lassen“). Die Kritik richtet sich nach meinem Verständnis nicht gegen den Inhalt der Entscheidung, sondern gegen das Vorgehen, unter Verzicht auf eine offen geführte theologische Auseinandersetzung auf der Grundlage der Schrift, unter Zeitdruck eine Entscheidung zu fällen.

    9

    2
    Antworten
  • René D.Gorsatt
    Gepostet um 22:50 Uhr, 02. November

    Die Ehe für alle ist eindeutig unchristlich,sie ist Gotteslästerung. Der Gott der deformierten Kirche ist der Moloch wie er im 1.Testament beschrieben ist . Der Moloch verlangte Kinderopfer. Die deformierte Kirche ist für Abtreibung. Im Zuge der Auseinander- Setzung um die Homosexualität bin ich ich vor kurzem aus der deformierten Kirche ausgetreten. Seither habe ich ein geruhsameres Gewissen. Allen die guten Willens sind den Segen des lebendigen allmächtigen dreifaltigen Gottes für Glauben Weisheit Gesundheit Erfolg Freiheit und Frieden. Am Ende der Tage eines jedens gebe der Herr das ewige Leben eine Wohnung beim SCHÖPFER. Gelobt sei Jesus Christus in alle Ewigkeit Amen. René D. Gorsatt alias Bruder Kephas Vicarius Christi eingesetzt von der Burgergemeinde Bern am Tag der Ermordung des Johannes Paul l durch die Kurie im Vatikan.

    0

    3
    Antworten
  • René D.Gorsatt
    Gepostet um 11:32 Uhr, 03. November

    Zum Glück leeren sich die Kirchen der deformierten Kirche. Das Geschwafel der hirnamputierten faulen Pfaffen anhören zu müssen ist eine Qual. Nach einer guten Predigt zu suchen gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. In 15-20 Jahren wird es Euch nicht mehr geben. Die Menschen sind nicht weniger gläubig als damals im Gegenteil. René D. Gorsatt alias Bruder Hermes Trismegistos der Grosse, globaler Meister der Bauleute im 144..Grad nach der Offenbarung des Johannes, eingesetzt von der Burgergemeinde Bern am Tag der Bundesfeier 2018, im grossmächtigen Bern.

    0

    2
    Antworten

Kommentar abschicken